OVS007: 54. Van Swieten-Kongress 3 Pressegespräch: 54. Van Swieten-Kongress "Molekulare Medizin und Gentechnik - Was ist heute schon Alltag?"

Österreichische Nationale DNA-Datenbank von Univ.Prof.Dr. Richard Scheithauer, Vorstand Institut für Gerichtliche Medizin der Universität Innsbruck Das Institut für Gerichtliche Medizin der Universität Innsbruck (GMI) ist das "Österreichische DNA-Zentrallabor" für die Untersuchung von Mundhöhlenabstrichen (MHA) und biologischen Spuren.

Die Österreichische Nationale DNA-Datenbank hat nach Großbritannien und den Niederlanden am 01.10.1997 als dritte in Europa den Betrieb aufgenommen und ist vom Datenbestand die drittgrößte Europas. DNA-Datenbanken sind derzeit in vielen Ländern der EU und in der Schweiz im Aufbau oder geplant.

Die Zielrichtung der Datenbank ist einerseits, in ungeklärten schweren Kriminalfällen einen (oft entscheidenden) Hinweis auf den Spurenverursacher zu liefern (Zufallstreffer, Cold hit) und andererseits, potentielle Täter abzuschrecken (Prävention).

Das DNA-Zentrallabor erhält keinerlei personenbezogene Daten, sondern ausschließlich zwei anonymisierte MHA bzw. Spuren, die mit Barcodes wie auf den Warenverpackungen im Supermarkt unverwechselbar gekennzeichnet sind. Das Bundesministerium für Inneres erhält keinerlei biologisches Material, sondern ausschließlich die wie bisher erhobenen erkennungsdienstlichen Daten, die zusätzlich mit demselben Barcode gekennzeichnet sind. Damit ist eine vollständige Entkoppelung zwischen DNA-haltigem Material (GMI) und Personaldaten (Innenministerium) gewährleistet.

Die MHA werden von der Exekutive bei bestimmtem Tatverdacht (Mord und andere vorsätzliche Tötung, Körperverletzung, Sexualdelikten wie z.B. Vergewaltigung oder Schändung, Brandstiftung, Erpressung, Serientaten) im Rahmen der erkennungsdienstlichen Maßnahmen entnommen und direkt an das Österreichische DNA-Zentrallabor des GMI gesandt.

In gleicher Weise wie die MHA werden biologische Tatortspuren von Kriminalfällen untersucht, in denen keine Person im konkreten Tatverdacht steht. Die Labordaten werden vom DNA-Zentrallabor dem Bundesministerium für Inneres übermittelt und mit den dortigen Datensätzen verglichen.

Der Schutz der Persönlichkeitsrechte ist absolut gewährleistet. Die DNA-Untersuchungen dienen ausschließlich der Verbrechensaufklärung bzw. -verhinderung. Die Personaldaten sind anonymisiert. Aus den erhobenen DNA-Daten kann unmöglich auf Krankheiten, Krankheitsdispositionen, Persönlichkeitseigenschaften, Intelligenz, Gewohnheiten, sexuelle Neigungen etc. geschlossen werden. Personen, die eine Spur nicht gelegt haben, können mit Sicherheit als Spurenleger ausgeschlossen werden.

Rechtliche Grundlage

Das Österreichische Sicherheitspolizeigesetz regelt die erkennungsdienstliche Behandlung. Neben der Feststellung der Personalien, der Fotografie und der Anfertigung von Fingerabdrücken können auch Mundhöhlenabstriche (MHA) entnommen werden. Konkret erfolgt dies bei bestimmtem Tatverdacht (Mord und andere vorsätzliche Tötung, Körperverletzung, Sexualdelikten wie z.B. Vergewaltigung oder Schändung, Brandstiftung, Erpressung, Serientaten). Die Speicherung von erkennungsdienstlichen Daten einschließlich der DNA-Merkmale erfolgt wie bisher beim Bundesministerium für Inneres. Darüberhinaus werden biologische Tatortspuren von Fällen untersucht, in denen kein Tatverdächtiger ermittelt werden konnte. Einzelheiten gibt das Bundesministerium für Inneres, Abteilung II/10, A-1010 Wien, bekannt.

Zielrichtung

Im Rahmen des Projekts werden einerseits die DNA-Merkmale von Tatverdächtigen und Verurteilten, andererseits die DNA-Merkmale von Tatortspuren von Fällen untersucht, in denen kein Tatverdächtiger ermittelt werden konnte. Durch Vergleich dieser DNA-Merkmalmuster gelingt es, in ungeklärten schweren Kriminalfällen einen (oft entscheidenden) Hinweis auf den Spurenverursacher zu liefern (Zufallstreffer, Cold hit). Zugleich geht von dem Projekt eine gewisse abschreckende Wirkung gegenüber potentiellen Tätern aus (Prävention).

In Übereinstimmung mit der internationalen Literatur zeigt auch die gerichtsmedizinische Erfahrung, daß Straftäter häufig eine regelrechte "Karriere" durchlaufen. So sind viele Sexualstraftäter bereits Jahre zuvor z.B. durch Eigentumsdelikte auffällig geworden und begehen auch nach schweren Verbrechen wieder geringere Straftaten. Daraus ergibt sich ein wichtiger Ansatz zur Verbrechensaufklärung mit Hilfe der DNA-Datenbank. Es wurden bereits mehrere schwerste Gewaltdelikte durch die DNA Analyse nach erkennungsdienstlichen Behandlungen von Personen geklärt, gegen die zunächst nur wegen Einbruchs ermittelt wurde.

Umfang

Bisher wurden über. 30.000 MHA und über 5500 Tatortspuren bearbeitet. (Stand Oktober 2000)

Praktisches Vorgehen der Exekutive

Bei entsprechendem Tatverdacht werden der erkennungsdienstlich behandelten Person mit Hilfe von sterilen Filzstäbchen zwei Mundhöhlenabstriche (MHA) von den Innenseiten der Wangen entnommen. Der Vorgang ist einfach und schmerzlos. Auf Wunsch können die Probanden selbst die Entnahme unter Aufsicht durchführen. Die MHA werden anonymisiert an das Österreichische DNA-Zentrallabor geschickt, die Personaldaten an das Bundesministerium für Inneres.

DNA-Typisierung im Österreichischen DNA-Zentrallabor

Die sterilen Filzstäbchen mit den Mundhöhlenabstrichen (MHA) werden im Österreichischen DNA-Zentrallabor am Institut für Gerichtliche Medizin der Universität Innsbruck untersucht und das DNA-Merkmalmuster des erkennungsdienstlich Behandelten festgestellt. Untersucht wird weniger als der einmillionste Teil der menschlichen Erbsubstanz und zwar in Abschnitten, die die Amerikaner als genetischen Müll bezeichnen (litter), die also keinerlei Informationen über Erbkrankheiten oder sonstige spezielle Eigenschaften eines Menschen enthalten. Das Untersuchungsergebnis besteht aus einer Reihe von Zahlen, z.B. System D21S11 31,33; vWA 7,9 etc. In gleicher Weise wird mit den Tatortspuren verfahren. Die Erbsubstanz ist zwar von Mensch zu Mensch verschieden, jedoch trägt jedes Körpermaterial derselben Person dasselbe DNA-Merkmalmuster. Ein Mundschleimhautabstrich (MHA) ergibt somit dasselbe Untersuchungsergebnis wie eine Blut- oder Spermaprobe (oder Spur!) derselben Person. Das ist der Grund dafür, daß eine Übereinstimmung der Merkmale z.B. einer Spermaspur und eines Spurenverursachers anhand der MHA Untersuchung feststellbar ist.

Datenabgleich

Die erhobenen DNA-Merkmalmuster werden vom Österreichischen DNA-Zentrallabor über eine gesicherte Datenleitung an das Bundesministerium für Inneres überspielt. Dort werden die DNA-Daten mit den Personaldaten des erkennungsdienstlich Behandelten zusammengeführt und die Ergebnisse der MHA und der Spuren auf Übereinstimmung überprüft. Im Gegensatz zu früher können mit Hilfe der DNA-Datenbank viele Tatverdächtige von vorne herein sicher als Spurenverursacher ausgeschlossen werden. Übereinstimmungen (Treffer) werden labormäßig überprüft und der Exekutive gemeldet.

Einen Treffer in der DNA-Datenbank kann man mit der Auffindung eines Fingerabdruckes am Tatort vergleichen, der ein Indiz und ein Ansatz zu weiteren Ermittlungen der Exekutive ist. Die DNA-haltige Spur kann jedoch bei Bedarf noch sehr viel umfangreicher untersucht werden, als dies routinemäßig geschieht. Eine derart erweiterte Untersuchung im Gerichtsauftrag kann einen Ausschluß einer Person als Spurenverursacher ergeben, wenn die zusätzlichen Merkmale voneinander abweichen. Stimmen die DNA-Merkmale von Spur und Beschuldigtem weiterhin überein, so kann man die statistische Häufigkeit der festgestellten Merkmale errechnen (z.B.: Bei einem von einer Milliarde Menschen wäre eine zufällige Übereinstimmung zu erwarten).

Datenschutz

Das Österreichische DNA-Zentrallabor erhält Mundschleimhaut-abstriche (MHA) von erkennungsdienstlich behandelten Personen, die mit Barcodes (vergleichbar mit den Verpackungen im Supermarkt) gekennzeichnet sind. Das Bundesministerium für Inneres erhält ausschließlich die Personaldatenbögen der erkennungsdienstlich Behandelten, die zusätzlich mit demselben Barcode gekennzeichnet sind. Die Personaldaten und die DNA-Merkmalmuster werden dort nach der DNA-Typisierung zusammengeführt. Das Bundesministerium für Inneres verfügt zu keiner Zeit über die DNA-haltigen Proben. Das Österreichische DNA-Zentrallabor verfügt zu keiner Zeit über die Personaldaten.

Schutz der Persönlichkeitsrechte

Das Österreichische DNA-Zentrallabor typisiert Mundschleimhautabstriche (MHA) und Spuren ausschließlich in den sogenannten nicht-codierenden Bereichen. Das bedeutet, daß grundsätzlich keinerlei Informationen über Krankheiten, Krankheitsdispositionen, Erbleiden, Infektionen etc. erhoben werden können. Ebensowenig liefern die Untersuchungen Informationen über Persönlichkeitsmerkmale wie Aussehen, Intelligenz, sexuelle oder sonstige Neigungen, Gewohnheiten etc. Der Persönlichkeitsschutz ist bei den Untersuchungen für die Nationale Datenbank ohne die geringste Einschränkung gewährleistet.

Schutz vor Verwechslung und falscher Beschuldigung

Das Sicherheitskonzept besteht aus vier Ebenen.

1. Das Österreichische DNA-Zentrallabor arbeitet auf international anerkanntem höchsten Niveau. Das Laborkonzept wurde u.a. mit Beratung der Leiter der betreffenden Labors der US-Armee und des Deutschen Bundeskriminalamtes entwickelt. Ständige internationale Kontakte und Kontrollen, ein extrem hoher Automatisierungsgrad und ein Qualitätsmanagement gewährleisten den höchsten Qualitätsstandard.

2. Die MHA werden personell, räumlich, zeitlich und apparativ unabhängig von den Spuren untersucht, um eine Verwechslung grundsätzlich auszuschließen.

3. Im Fall einer Übereinstimmung des DNA-Merkmalmusters eines MHA und einer Spur wird der zweite MHA im Rahmen eines unabhängigen Kontrollschritts anonym untersucht. Das Ergebnis wird der Exekutive als Hinweis (!) auf die Spurenverursachung mitgeteilt. Nach Abschluß der Ermittlungen übergibt die Exekutive das DNA Ergebnis mit der Ermittlungsakte dem zuständigen Gericht.

4. Zweifelt der Beschuldigte oder Angeklagte das Ergebnis an, so können ein frisch entnommener MHA oder eine frisch entnommene Blutprobe sowie die Spuren im Gerichtsauftrag weiter untersucht werden.

Kurze Vorstellung des Instituts für Gerichtliche Medizin der Universität Innsbruck

Das Institut wurde 1894 erstmals als eigenständige Abteilung erwähnt. Es deckt das gesamte in Mitteleuropa übliche Spektrum der Gerichtlichen Medizin in Forschung, Lehre und Praxis ab 1990 wurde die forensische DNA Abteilung als eine der ersten im deutschsprachigen Raum eingerichtet. Seit 1991 wird die DNA Technologie für spurenkundliche Gerichtsgutachten eingesetzt. In den Folgejahren entwickelte sich der Bereich zum wissenschaftlichen Schwerpunkt.

Das Institut ist als einziges österreichisches gerichtsmedizinisches Institut in den entscheidenden internationalen Gremien vertreten, was für die Betreuung einer DNA-Datenbank von besonderem Interesse ist, u.a. in

- EDNAP (European DNA Profiling Group): Zusammenschluß der wissenschaftlich führenden DNA-Labors Europas. Ziel: Grundlegende Forschung und Optimierung der DNA-Typisierung für forensischspurenkundliche Zwecke. Letzte Tagung in Innsbruck 12.-14. Juni 1998

- ENFSI DNA WG (European Network of Forensic Science Institutes, DNA Working Group): Zusammenschluß der in der kriminalistischen Routine führenden DNA-Labors Europas. Ziel: Kriminalistische Umsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Gebiet der DNA Technologie auf die Laborroutine. Letzte Tagung in Innsbruck 12.-14. März 1999

- STADNAP (Standardization of DNA Profiling Techniques in the European Union): EU-Programm zur Erarbeitung wissenschaftlicher Grundlagen für zukünftige europaweite Richtlinien für die kriminalistische Fallarbeit

- STOP (Sexual Trafficking of Persons): EU-Programm u.a. zur Erarbeitung der Grundlagen für internationale DNA-Datenbanken zur Verbrechensbekämpfung

- Interpol DNA MEG (DNA Monitoring Expert Group):
Interpolarbeitsgruppe zur weltweiten Etablierung von Nationalen DNA Datenbanken und zum internationalen Datenabgleich. Der Vorstand des Instituts für Gerichtliche Medizin der Universität Innsbruck, Prof. Dr. Richard Scheithauer, ist Vorsitzender dieser Arbeitsgruppe. Letzte Tagung in Innsbruck 07. - 08. Februar 2000

Darüberhinaus ist das Institut wissenschaftlich in stark zukunftsorientierten Bereichen wie z.B. mitochondriale DNA zur Untersuchung von Haaren und Skelettteilen oder der Analyse Y-Chromosomale DNA speziell zur Untersuchung von Sexualdelikten vertreten. Derartige spezielle Untersuchungen gewinnen auch vor Gericht zunehmend an Bedeutung.

(Fortsetzung)

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