"Neue Zeit" Kommentar: "Nervensache" (von Günther Gruber)

Ausgabe vom 18. 10. 2000

Graz (OTS) - Regieren sei eine Nervensache, meinte der
altgediente VP-Minister Wilhelm Molterer auf die deutliche Drohung Jörg Haiders mit Koalitionsbruch. Nerven, die der angepöbelte und für unfähig erklärte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel bis zur Selbstverleugnung beweist, wenn er einen Tag nach den Haider-Ausritten meint, die Zusammenarbeit in der Regierung sei hervorragend.

Woher Schüssel seine Nervenkraft nimmt, ist aus zweierlei Positionen erklärbar.

Die eine ist sein fester Entschluss, alles zu schlucken, um Regierungschef zu bleiben. Als Preis dafür lässt er nicht nur sich, sondern auch seine Landeshauptleute beschimpfen. Für den Kanzler-Sessel geht Schüssel bis hart an die Grenze der Parteiverleugnung.

Die zweite Nervenstütze für den Regierungschef ist seine langjährige Erfahrung als Vizekanzler, als er die SPÖ bis hin zum Platzen der damaligen Koalition gequält hat. Er hat also zweifellos Erfahrung mit derartigen Methoden, was ihm Haider auch vorwirft, wenn er anmerkt, sich nicht wie seinerzeit die SPÖ von der ÖVP "an der Nase herumführen" zu lassen.

Einen Faktor lassen Schüssel und Molterer jedoch außer Acht, wenn sie auf Nervenstärke spielen - die Gereiztheit von Jörg Haider und der FPÖ-Basis. Wenn der Parteiführer die Koalition platzen lassen will, dann platzt sie. Die Loyalität der FP-Obfrau und Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer gehört nämlich allemal Haider und nicht Schüssel.

Der Sprengsatz unter dem Kanzler-Sessel tickt unaufhörlich.

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