"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Mutter des Sieges" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 16.10.2000

Graz (OTS) - Der Sieg hat viele Väter, aber nur eine Mutter",
sagte Waltraud Klasnic bereits vor dem Wahltag. Dieser Satz wurde durch das Wahlergebnis eindrucksvoll bestätigt. Der Sieg bei den Landtagswahlen in der Steiermark gebührt allein der Frau Landeshauptmann. Sie war der Trumpf der ÖVP im Wahlkampf. Je hitziger die Auseinandersetzungen wurden, desto größer wurde ihr Vorsprung. Die Gegner versuchten vergeblich, sie in den Streit um Studiengebühren und Sozialabbau zu verstricken. Sie unterlagen, wie sich nachträglich zeigt, einer Fehleinschätzung. Klasnic schwebte über den Niederungen. Sie hatte sich im Bewusstsein der Steirer längst als die Landesmutter eingeprägt, die für das Ressort Menschlichkeit zuständig ist. Dass der Begriff schwammig ist, spielte keine Rolle. Die so unpolitisch wirkende Politikerin verkörperte Zuneigung und Mitgefühl. Im Gegenzug sog sie die Sympathie der Wähler auf und speicherte sie als Energie.

Ihr Sieg fiel viel fulminanter aus, als die Meinungsforscher vorauszusagen wagten. Einen Zuwachs von 11 Prozent hat es in ganz Österreich noch nie gegeben. Selbst wenn man einrechnet, dass der Niedergang der steirischen ÖVP bei den vorangegangenen Landtagswahlen beispiellos war, schmälert dies nicht den Triumph Klasnics. Mit 47 Prozent hat sie die schwarzen Schwergewichte Josef Pühringer (Oberösterreich) und Erwin Pröll (Niederösterreich) überrundet und ist in Höhen vorgestoßen, die für die ÖVP nur noch im Goldenen Westen, in Tirol und Vorarlberg, erreichbar waren.

Umso schmerzlicher war die Schlappe der steirsichen SPÖ, die sich am Wahlabend an der Schadenfreude labte, dass die Wunden der FPÖ noch viel schmerzhafter ausgefallen sind.

Vor fünf Jahren durfte sich Peter Schachner-Blazizek noch der Illusion hingeben, den Sessel des Landeshauptmanns, den schon sein Vater fast in Griffweite hatte, nur hauchdünn verfehlt zu haben. Gestern wurden die Gewichte endgültig gewogen. Den Rückzug aus der Politik, den der SPÖ-Chef für den Fall des totalen Absturzes erwogen hat, wird zwar nicht stattfinden, doch ist klar, dass Schachner in fünf Jahren nicht mehr antreten wird. Nicht nur deshalb, weil es dann sein vierter Versuch wäre, Erster zu werden.

Schachners Scheitern ist auch ein Fanal für die Gesamtpartei. Er führte keinen Persönlichkeitswahlkampf, sondern setzte voll auf die rote Karte, die er der schwarz-blauen Regierung in Wien zeigen wollte. Die Rechnung ging nicht auf. Die SPÖ verlor, besonders stark in der Landeshauptstadt Graz, deren Wähler seit jeher extrem wetterfühlig sind.

Nichts zu beschönigen gibt es bei der FPÖ. Sie schlitterte in eine Katastrophe, deren Ausmaß unvorstellbar schien. Die Blauen verloren, wenn man die Nationalratswahlen 1999 als Maßstab nimmt, mehr als die Hälfte ihrer Wähler. Mit den internen Streitigkeiten ist das Desaster nicht zu erklären. Jörg Haider zahlt nun den Preis für die Teilhabe an der Macht.

Mit Klasnics Sieg beginnt das Problem für Wolfgang Schüssel: Die steirischen Wahlen lösten eine wahre Völkerwanderung innerhalb des schwarz-blauen Bündnisses aus, das für den Fortbestand der Ehe lebensgefährlich ist. Will Schüssel die Koalition retten, muss er Haider noch mehr als bisher entgegenkommen. ****

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