"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Ende der Visionen" (von Floo Weißmann)

Ausgabe vom 14. 10. 2000

Innsbruck (OTS) - F assungslos steht die Welt vor den Trümmern der Visionen für den Nahen Osten. Die vergangenen zwei Wochen könnten die Region in die siebziger Jahre zurück katapultiert haben, als sie für unversöhnliche Feindschaft und internationalen Terror stand. Die Hauptakteure in dieser Tragödie, Israels Ministerpräsident Ehud Barak und Palästinenserpräsident Jasser Arafat, lenkten den Friedensprozess Meter um Meter in den Abgrund. In Nebenrollen Extremisten auf beiden Seiten und das höchstrangige Vermittlerkomitee, das die Welt zu bieten hat. Die USA, Westeuropa, Russland, die UNO und gemäßigte arabische Staaten waren involviert.

Die neue Realität hat längst die Debatten überholt, ob es sich nun um Krieg handelt oder nicht, ob der Friedensprozess gestorben ist oder nicht. Fernsehbilder von den Begräbnissen erschossener Palästinenserkinder, vom Sturm auf das Josephsgrab und von der Schändung gelynchter Israelis gaben das Tempo vor. Barak und Arafat haben dies ermöglicht mit einer Spirale von Drohungen, Forderungen und vor allem der Akzeptanz von Gewalt, bis das Geschehen sie überrollte.

Der Poker um die Frage, wer mit einem blauen und wer mit einem grünen Auge aus den blutigen Straßenschlachten herausgeht, ist zu Ende. Verloren haben alle. Auch in dem, was jetzt wahrscheinlich bevorsteht, gibt es für keine Seite etwas zu gewinnen. Für die Palästinenser keinen Staat, für Israel keinen Frieden, für die Nachbarländer keine Stabilität, für die USA keine Lorbeeren als Katalysator eines historischen Abkommens, für die Staatengemeinschaft keine Autorität und keinen Respekt. Was niemand wollte, scheint jetzt unvermeidlich zu sein.

Jeder Tag der Gewalt verstärkt Wut, Misstrauen und Hass, reißt weiter ein, was seit Oslo 1993 mühsam aufgebaut wurde. Barak überlegt zur eigenen Rettung eine Koalition mit den Friedensgegnern, Arafats Behörde lässt Terroristen frei. Diesen Schaden kann wohl auch ein möglicher neuer Gipfel nicht so einfach beheben, eine Wiederaufnahme der Friedensgespräche ist in weite Ferne gerückt. Als bescheidene Hoffnung bleibt vorerst nur, dass ein Flächenbrand verhindert werden kann.

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