Fakultätskollegium der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien - Offener Brief

Wien (OTS) - Offener Brief
an den Bundesminister für Finanzen,
Herrn Mag. Karl-Heinz GRASSER

Sehr geehrter Herr Bundesminister,

in einer österreichischen Tageszeitung ist vor einigen Tagen ein geradezu ungeheuerlicher Ausspruch kolportiert worden, der, wenn er tatsächlich so gefallen sein sollte, ein Armutszeugnis für seinen Urheber darstellt und, wenn er befolgt werden sollte, auch zur geistigen Verarmung Österreichs führen würde:

"Orientalistik brauchen wir nicht. Bei den sogenannten Orchideenstudien soll man Ordnung machen" (DIE PRESSE vom 7. Oktober 2000).

Diese Fächer, Herr Minister, sind es, die neben Literatur und Kunst den geistigen Reichtum unseres Landes ausmachen. Ich erspare mir die naheliegende Überlegung, ob es denn wirklich sinnvoll ist, Orchideen auszureißen, weil sie einfach nur schön sind und nur Insekten und Kolibris Nahrung geben, um noch mehr Steppe zu haben oder vermeintlich nützlichere Erdäpfel anzupflanzen. Ich will auch nicht von den historischen Fächern reden oder den Altertumswissenschaften samt Latein und Griechisch, denn was nützt es, darauf hinzuweisen, daß es die Grundlagen unserer Kultur sind, mit denen wir uns beschäftigen. Aber kann es denn wahr sein, daß ein österreichischer Minister ausgerechnet die Orientalistik als Beispiel dafür wählt, wo ,Ordnung gemacht' werden sollte (was immer das heißen soll), die Orientalistik, die vor fast zweihundert Jahren von einem Mann wie Hammer-Purgstall in Wien begründet wurde, nicht aus irgendwelchen esoterischen Neigungen heraus, sondern um die österreichischen Diplomaten und Kaufleute (!) mit dem notwendigen Wissen für ihre Kontakte mit dem Nahen Osten auszustatten ? Brauchen wir wirklich die Asien-Fächer (zum Beispiel für die Wirtschaft) nicht, die gerade durch ihr Eingehen auf Geschichte und Kultur uns das dringend notwendige Verständnis für die dortigen modernen Völker und ihre Denkweise vermitteln ? Und schließlich: ist eine Wissenschaft wirklich nur dann nützlich, wenn sie sich unmittelbar in bares Geld umsetzen läßt ?

Die geisteswissenschaftliche Fakultät der Universität Wien, die vermutlich die meisten dieser Ihnen so überflüssig scheinenden Studien anbietet, ist stolz auf ihre "Orchideenfächer" und bezieht einen großen Teil ihrer Identität und ihres hohen wissenschaftlichen Ansehens von ihnen. Sie ist auch bereit, sich einer Standortdiskussion zu stellen, ob denn das eine oder andere Fach in Österreich wirklich mehrfach vorhanden sein muß. Einer Travnicek-Mentalität ("wos brauch' i des") wird sie aber mit aller Entschiedenheit entgegentreten. Auch und gerade wenn sie in Ministerbüros zu finden sein sollte.

Mit besten Empfehlungen bin ich Ihr

Ekkehard Weber

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Mag. Eva Kößlbacher
Zentrum für Forschungsförderung, Drittmittel und
Öffentlichkeitsarbeit
Center of Research, Sponsoring and Public Relations
Universität Wien
University of Vienna
Dr. Karl Lueger-Ring 1
A-1010 Wien
Tel.: ++43 1 4277-18181
Fax: ++43 1 4277-9181
Email: eva.koesslbacher@univie.ac.atUniv.-Prof. Dr. Ekkehard Weber
Electronic Mail: ekkehard.weber@univie.ac.at
Vorstand des Instituts für Alte Geschichte,
Altertumskunde und Epigraphik
Mitglied des Senats der Universität Wien
Institut für Alte Geschichte, Altertumskunde und Epigraphik
1010 Wien, Dr. Karl Lueger-Ring 1
Telefon: (01) 4277 40540
FAX: (01) 4277 9405

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | UNI/OTS