Mit Temel’n leben müssen

Wachsam bleiben und weiter Druck machen
(Von Hans Köppl)

Nun ist es so weit. Es kam, wie es spätestens seit März 1993 absehbar war, als die damalige tschechoslowakische Regierung die Fertigstellung des Atomkraftwerks Temel’n beschloss. Am Donnerstagabend wurde Temel’n hochgefahren. Vorläufig ist es ein Testbetrieb, der sich noch einige Monate hinziehen wird, doch der Rubikon ist überschritten. Es gibt kein Zurück mehr.
Für die Temel’n-Betreiber wie für die tschechische Regierung gibt es jetzt nur mehr eine in beiderlei Hinsicht teure Alternative: Erfüllt das Kraftwerk die von Österreich für seine Zustimmung zum tschechischen EU-Beitritt geforderten Sicherheitsstandards nicht, ist ein Weiterbetrieb nur nach einer neuerlichen, Milliarden teuren Nachrüstung möglich; können die Standards nicht erbracht werden, ist das Kraftwerk eine unbrauchbare Ruine, die ständig bewacht werden muss. Seit der ersten Kettenreaktion kann Temel’n weder in ein Kohlekraftwerk noch in einen Themenpark oder sonst etwas umgebaut werden. Im Falle einer Stilllegung ist das Kraftwerk strahlender Sondermüll.

Vorerst werden wir uns jedoch damit abzufinden haben, mit einem weiteren Atomkraftwerk in Grenznähe leben zu müssen. In den nächsten Monaten ist das Risiko zunächst noch gering, beruhigen auch kritische Sachverständige, wie etwa der österreichische Chef der bilateralen Temel’n-Expertenkommission, Professor Wolfgang Kromp. Das Gefahrenpotenzial nimmt freilich laufend zu und erreicht seinen Höhepunkt, sobald das Kraftwerk ans Netz angeschlossen ist. Unabhängig von allen, aus österreichischer Sicht noch offenen Sicherheitsfragen kann wenigstens eines festgehalten werden: Temel’n ist nicht mit Tschernobyl vergleichbar. Nicht nur verneinen die Temel’n-Betreiber das Risiko eines Tschernobyl-GAUs, sondern es bestätigen dies auch die österreichischen Experten. Das ukrainische und das tschechische Atomkraftwerk sind grundverschieden, ein Störfall wie in Tschernobyl ist physikalisch auszuschließen. Nicht auszuschließen ist freilich eine Verstrahlungskatastrophe, wenn das Kraftwerk durch äußere Einwirkung zerstört wird. Das Schadstoffinventar von Temel’n ist ebenso groß wie das von Tschernobyl.

Welche Konsequenzen sind nun aus der Faktenlage zu ziehen? Nicht nachlassen darf der atmosphärische Druck auf die Bundesregierung. Dieses Mandat für die Verhandlungen über den EU-Beitritt Tschechiens ist jedoch zweischneidig, denn die Minimierung des Risikos auf einen westeuropäischen Standard (den es als solchen übrigens noch gar nicht gibt) kann Österreich auch erhebliche (Entwicklungshilfe-)Kosten verursachen. Weiters wäre ein besserer Kontakt zu den deutschen Nachbarn nützlich, weil die nicht zuletzt das größere Gewicht in der, in dieser Sache bisher wenig hilfreichen EU haben. Schließlich gibt es Anzeichen dafür, dass die Kraftwerksbetreiber jetzt, wo ihr Projekt nicht mehr abgewürgt werden kann, in Sicherheitsfragen offener werden. Das wird die Ängste nicht vertreiben, dürfte aber das Maximum dessen sein, was herauszuholen ist.

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