"Die Presse"-Kommentar: "Bemerkenswert dumm" (von Franz Schellhorn)

Ausgabe vom 11.10.2000

WIEN (OTS). Wer die Vorgänge in der europäischen Energiepolitik derzeit noch einigermaßen nachvollziehen kann, braucht zumindest ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Maß an Phantasie. Die Ziele der inzwischen völlig aus den Fugen geratenen europäischen Energiepolitik sind derzeit jedenfalls schwer zu deuten. Bemerkenswert sind vor allem zwei Vorfälle: Der Wirbel um die Sicherheit des tschechischen Atomkraftwerks Temelín und der in Deutschland begonnene Abbau von Kraftwerks-Überkapazitäten. Den Schließungen von deutschen Anlagen fallen vorerst zwar vor allem Öl-, Kohle- und Gaskraftwerke zum Opfer, es wird aber auch - wie von der rot-grünen Regierung herbeigesehnt - damit begonnen, jene Kernkraftwerke abzuschalten, die in Europa als die sichersten gelten. Gleichzeitig geht in Tschechien in wenigen Wochen ein Kraftwerk ans Netz, dessen Sicherheit - gelinde gesagt - umstritten ist.
Die Skurrilität und Orientierungslosigkeit Europas in der Frage der sinnvollen Nutzung von Energien ist kaum besser zu beschreiben als durch diese beiden Ereignisse. Damit steht Europa nicht nur vor den Scherben der rot-grünen Energiepolitik, sondern am Anfang einer besorgniserregenden Entwicklung: Dem Tausch sicherer westlicher Kernkraftwerke gegen die als unsicher geltende Atomkraft des Ostens. Wie immer man zur Nutzung der Kernenergie stehen mag: Sie bleibt, allen Straßenblockaden und politischen Protesten zum Trotz, noch für Jahrzehnte Realität. Wenn schon nicht im Westen, dann zumindest im mitten im Aufbau steckenden Osten. Der schulmeisternde Westen gerät auch spätestens dann in Argumentationsnotstand, wenn er etwa den Tschechen erklären soll, wie sie den wirtschaftlichen Aufschwung (Stichwort: EU-Beitritt) ohne die billige Kernkraft schaffen sollen. Wo sind die Alternativen: in den Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken aus dem Westen (Stichwort: Kyoto-Ziele)? In der Nutzung alternativer Energieträger, die selbst Umweltschutzorganisationen zu teuer sind? Ohne das Gefahrenpotential der Atomkraft herunterspielen zu wollen:
Das einzige, was derzeit hell erleuchtet strahlt, ist die Scheinheiligkeit des Westens.

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