"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Stimmung und Stimmen" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 8. 10. 2000

Graz (OTS) - Die Gehsteige sind mit Dreieckständern verstellt,
die Plakatwände mit übergroßen Gesichtern voll geklebt, auf den Plätzen werden Passanten bunte Prospekte in die Hände gedrückt, vor den Rathäusern geben sich die Wahlkämpfer staatstragend, in den Bierzelten geht es nicht so fein zu. Die Medien kommen ihrer Berichtspflicht nach. Sie informieren, interviewen und kommentieren. Schließlich handelt es sich um den ersten großen Test seit der Bildung der neuen Bundesregierung. Die Spannung ist allerdings auf die Politiker und Journalisten beschränkt. Obwohl die letzte Woche vor der Entscheidung angebrochen ist, regen die Landtagswahlen am 15. Oktober die Steirer und Steirerinnen nicht auf.

Viel aufregender waren da schon die letzten Tage in Belgrad. Man zitterte mit den Hunderttausenden, die mit dem Sturm auf das Parlament den verhassten Slobodan Milosevic von der Macht vertrieben. Würde das Volk gegen den Tyrannen siegen, der sein Land schon so oft mit Krieg überzogen hat?

Erinnerungen wurden wach an den Spätsommer 1991, als Milosevic den Zerfall Jugoslawiens mit Waffengehalt verhindern wollte. Er setzte gegen die Slowenen, die ihre Unabhängigkeit ausriefen, die Armee ein. Panzer fuhren gegen Traktoren auf, doch die Slowenen widerstanden.

Damals wurde das Bundesheer an die Grenze verlegt. Landeshauptmann Josef Krainer inspizierte wie ein Feldherr die Truppen. Er lobte sogar den Einsatz der Draken-Abfangjäger, gegen deren Landung in der Steiermark er fünf Jahre zuvor noch einen Volksaufstand inszenieren ließ. Trotzdem blieben die Landsleute unbeeindruckt. Wenige Wochen später verlor Krainer bei den Landtagswahlen die absolute Mehrheit -der Anfang vom bitteren Ende, das ihn bei den Landtagswahlen 1995 ereilen sollte.

Die Geschichte soll nicht in alten Wunden rühren, sondern aufzeigen, das Ereignisse außerhalb des Landes, so aufwühlend sie auch sein mögen, nicht unbedingt auf die Entwicklung zu Hause durchschlagen.

Das gilt vermutlich auch für die Geschosse, die in letzter Zeit jenseits des Semmering gezündet wurden. Dass die überfallsartige Ankündigung von Studiengebühren in der Universitätsstadt Graz wie eine Bombe anschlagen musste, war vorhersehbar. Auch der Zorn der Gewerkschafter über die unausgegorenen Änderungen in der Arbeitslosenversicherung ist verständlich. Aber wird dafür die Landespolitik verantwortlich gemacht?

Der steirische SPÖ-Obmann Peter Schachner versucht seit Monaten, der schwarz-blauen Bundesregierung die rote Karte zeigen. Die Meinungsforscher zweifeln jedoch daran, dass es ihm gelungen ist, die Landtagswahlen zu einem Denkzettel gegen Waltraud Klasnic zu machen.Wie die Erfahrung lehrt, bilden sich die Trends, die über Sieg oder Niederlage entscheiden, schon lange vor dem Wahltag. Vor allem dann, wenn sich die Wähler nicht an Parteiprogrammen und schon gar nicht an Ideologien orientieren, sondern an Personen, denen sie vertrauen oder die ihnen vertraut sind. Es ist ein Unterschied zwischen Stimmung und Stimmen. ****

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