Serbien nach Europa holen

Der wirtschaftliche Wiederaufbau hat Priorität
(Von Hans Köppl)

Die Bilder aus Belgrad, die uns das Fernsehen am Donnerstag lieferte, riefen Erinnerungen an das Jahr 1989 wach. Damals waren unter dem Ansturm der Volksmassen nacheinander die kommunistischen Regime in Polen, Ungarn, der DDR, der Tschechoslowakei und zuletzt in Rumänien zusammengebrochen. Holen jetzt die Serben nach, was sich in diesem Jahr in den osteuropäischen Volksdemokratien vollzog?
Die Antwort auf diese Frage kann nur differenziert und vage ausfallen. Wie auch das Jahr 1989 für Serbien und den Balkan insgesamt eine völlig andere Bedeutung hat. In diesem selben Jahr hat der damalige serbische Präsident Slobodan Milosevic in Pristina jene flammende Rede zum Andenken an die Schlacht auf dem Amselfeld im Jahr 1389 gehalten, die seitdem das historische Selbstverständnis der Serben prägt und die in der Folge zum Zerfall Jugoslawiens und zu vier blutigen Kriegen geführt hat.
Was für Osteuropa eine historische Wende war, dürfte für den heutigen Restbestand des früheren Jugoslawiens allenfalls eine Wegscheide sein. Die Fortsetzung des Milosevic-Kurses hätte Jugoslawien endgültig in den Abgrund geführt, jetzt besteht die Aussicht auf den Anschluss an das demokratische Europa. Von einem Aufbruch zu den Sternen zu schwelgen, wie ein Kommentator den donnerstägigen Sternmarsch der Demonstranten deutet, wäre wohl zu viel der Erwartung. Sowohl im Hinblick auf die bevorstehende politische Realität als auch was das Verhältnis der Bevölkerung zur Situation selbst betrifft. Auch wer eine Trennung zwischen Regime und Volk vornimmt, kommt nicht um die Tatsache herum, dass zwischen Volk und Milosevic jahrelang ein enges Band des nationalistischen Einverständnisses geknüpft war, dass der Kriegshetzer und Kriegsverbrecher in seinem großserbischen Wahn sehr wohl das Volk auf seiner Seite wusste. Es war ohne Zweifel ein naives Bild, das Peter Handke in seinem Ärger erregenden Reden Reisebericht zeichnete. Widerstand gegen Milosevic begann sich erst zu regen, als die wirtschaftlichen Folgen seiner Kriegspolitik immer desaströser wurden. Wirtschaftliche Not und keineswegs eine idealistische Sehnsucht nach demokratischen Zuständen ist denn auch der wahre Grund für den Aufstand gegen das Kriegsherrenregime.

Die Basis für eine neue Jugoslawienpolitik kann deshalb nur mit einem raschen Wiederaufbau der Wirtschaft gelegt werden. Die von EU-Kommissionspräsident Romano Prodi angekündigte Soforthilfe in Höhe von drei Milliarden Schilling ist bestenfalls ein Anfang. Mit Leben erfüllt gehört der im Juni des vergangenen Jahres geschlossene Stabilitätspakt für Südosteuropa, dessen Ziel die Europäisierung des Balkans sein muss. Die gegenwärtigen Handels- und Produktionspraktiken in der Region sind von Schmuggel und Bestechung geprägt, statt westlicher Investoren sorgen mafiose Gruppierungen für den Austausch von Gütern.
Europäisierung heißt, dass die entscheidende Rolle in diesem Prozess der Europäischen Union zufällt. Bewältigt sie diese Aufgabe nicht, könnte dies auch das Ende der europäischen Integration bedeuten.

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