"Die Presse" Leitartikel: "Jubel und Ernüchterung" (von Anreas Unterberger)

Ausgabe vom 7.10.2000

Wien (OTS) Der Jubel ist groß. Europas letztes kommunistisches Regime ist
gestürzt. Es ging (vorerst?) überraschend schnell und glatt, die unschönen Begleitgeräusche blieben überhörbar. Wieder hat sich erwiesen: Ein Regime durch Druck von außen zu entfernen gelingt fast nie; eine erfolgreiche Wende braucht auch die in den Köpfen. Und die ist erst eingetreten, als sich Slobodan Milosevic unverfroren und plump über ein Wahlergebnis hinwegsetzen wollte. Da haben die Massen genug gehabt - jene Massen, die ihm noch vor Jahren bei nationalistischen Orgien zugejubelt haben.
Schürfen wir noch ein wenig tiefer: Warum hat der gestürzte Machthaber eigentlich die Gunst der Serben verloren? Da ist nicht entscheidend gewesen, daß er vier blutige Kriege geführt, sondern daß er sie verloren hat. Das hat ihn zusammen mit der gleichzeitigen Isolierung des Landes und der damit zwangsläufig verbundenen Verarmung untragbar gemacht. Wer im Zeitalter der Globalisierung auf nationale Alleingänge setzt, setzt auf Wohlstandsverlust.
Was kann sich die Welt von den neuen Machthabern erwarten? Als Grundlage ein klares Ja zu Demokratie, Rechtsstaat, Medienfreiheit. Daß diese Werte freilich nicht mit einem Hebel einfach eingeschaltet werden können, sondern eine tiefverwurzelte und daher Zeit brauchende kulturelle Basis benötigen, müssen die Jugoslawen ebenso mühsam lernen wie zuletzt die Reformstaaten Mitteleuropas. Aber die Serben können nach der Demütigung durch die Niederlagen nun auf einem neuen nationalen Stolz aufbauen: Sie selbst waren es, die die Wende geschafft haben.
Jugoslawien wird sehr an einer Öffnung zu Europa interessiert sein. Das bedeutet auch, daß viele wichtige Verkehrswege wieder offen sein werden, vor allem jene via Donau, Straße und Bahn Richtung Kleinasien, Griechenland, Bulgarien, Rumänien und Albanien. Das wird übrigens auch in Österreich zu teils positiven, teils belastenden Rückverlagerungen von Verkehrsströmen führen.
Optimismus kann man auch hegen, daß sich die Spannungen zwischen Serbien und Montenegro mildern, daß es hier weder Krieg noch Sezession geben wird. Hoffnungsvoll kann man schließlich auch das Kapitel Milosevic & Co abhaken, obwohl der Expräsident vorerst seine Niederlage nicht eingestehen wollte.
In vielen anderen Punkten sollte man sich aber im klaren sein: Die Akteure sind neu, sind sympathischer, aber die Probleme sind geblieben. In Serbien leben etwa viele Flüchtlinge aus Kroatien, die es nicht wagen, in die zerstörte Krajina zurückzukehren. In Bosnien sind die dortigen Serben schon länger nicht mehr von Belgrad steuerbar, bleiben daher unberechenbar; damit wird es auch dort weiter ein Flüchtlingsproblem geben.
Vojislav Kostunica, der neue Präsident, ist immer ein erklärter Nationalist gewesen (sonst hätte er die Wahl gar nicht gewinnen können). Er hat sich auch schon als neuer Präsident kritisch über die einstigen Nato-Bombardements und über das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag geäußert. Kann es der Westen nun einfach ignorieren, wenn Belgrad auch weiter keine Kriegsverbrecher ausliefert?
All diese Probleme verblassen aber gegenüber der ungelösten Krise im Kosovo. Kostunica kann, will und wird es keinesfalls hinnehmen, daß der Kosovo unabhängig wird. Er muß jedenfalls auch die vielen serbischen Flüchtlinge aus der einstigen Provinz loswerden. Eine Einbindung des Kosovo in Serbien oder eine Rückkehr der Serben wäre aber umgekehrt wieder für die dortigen Albaner ein absoluter Kriegsgrund.
Damit bleibt bei aller Freude über die Wende die Gesamtbilanz nüchtern: Die ethnischen Konfrontationen, die schon Milosevic an die Macht gespült haben, hängen auch Kostunica und damit Europa weiter als Mühlstein am Hals.

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