Psychiatrie-Experten: Moderne Medikamente als Rückgrat einer umfassenden Schizophreniebehandlung

Internationaler Tag der psychischen Gesundheit: Integration ist das Ziel

Wien (OTS) - Der "Internationale Tag der psychischen Gesundheit"
am 10. Oktober ist dieses Jahr der Integration psychisch Kranker in die Arbeitswelt gewidmet. "Die Schizophrenie bricht gerade in dem Lebensabschnitt aus - zwischen dem 15. und dem 25. Lebensjahr - in dem ein junger Mensch in das Erwachsenenleben eintritt, in dem er also seine Lebensposition in neuen Beziehungen und auch in der Arbeitswelt finden muss" sagt Univ.-Prof. Dr. Katschnig Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie in Wien. "In der Arbeitswelt haben Menschen, die an einer Schizophrenie leiden, mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Nicht nur wegen der Stigmatisierung, sondern auch wegen der bei Stressbelastung auftretenden Konzentrations- und Denkstörungen, die die Integration in die Arbeitsabläufe erschweren" so Prof. Katschnig.

Weltweit leiden rund 50 Millionen Menschen an Schizophrenie, in Österreich sind es etwa 50.000. Diese inzwischen medikamentös gut behandelbare Krankheit äußert sich unter anderem in Denk- oder Wahrnehmungsstörungen und sozialem Rückzug. "Es ist wenig bekannt, dass diese Konzentrations- und Denkstörungen das Kernsyndrom der Schizophrenie darstellen, und nicht etwa Wahnideen und Halluzinationen, und schon gar nicht eine Persönlichkeitsspaltung" sagt Prof. Katschnig.

Bei einer Pressekonferenz anlässlich des bevorstehenden "Internationalen Tags der psychischen Gesundheit" und des derzeit in Wien stattfindenden "5. Drei-Länder-Symposiums für Biologische Psychiatrie" zogen österreichische und internationale Psychiatrie-Experten Bilanz zur Versorgung und Behandlung von Schizophrenie-Patienten. "Die Entwicklung der Psychiatrie in den vergangenen Jahren hat es möglich gemacht, gerade bei der Behandlung schwerer psychotischer Erkrankungen wesentliche Fortschritte zu erzielen", sagt Univ.-Doz. Dr. Werner Schöny, Leiter der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz und Präsident von pro mente Austria, dem Dachverband von Einrichtungen, die sich österreichweit in der Betreuung psychisch Kranker engagieren. "Die psychosoziale Versorgung zur Integration psychisch Kranker zeigt österreichweit ein Niveau, das allmählich an den Standard guter internationaler Modelle heranreicht."

Moderne Medikamente als Basis der Behandlung

Die Voraussetzung für die Umsetzung derartiger Modelle sei eine gute Basiseinstellung auf entsprechend wirksame Medikamente. "Die Entwicklung der modernen atypischen Antipsychotika hat einen wesentlichen Vorteil gebracht. Diese neue Generation von Medikamenten, die seit einigen Jahren erhältlich ist, weist nicht nur viel weniger Nebenwirkungen auf, sondern hat auch die spezielle Eigenschaft, die Patienten zu motivieren, an psychosozialem Leben teilzunehmen" so Prof. Katschnig. Bis vor wenigen Jahren standen nur die so genannten typischen Neuroleptika zur Verfügung, die jedoch wegen ihrer massiven Nebenwirkungen von den Patienten oft nicht geschätzt wurden. "Die gute Wirksamkeit und bessere Verträglichkeit der neuen atypischen Antipsychotika führt dazu, dass Patienten eine größere Therapietreue aufweisen, wodurch sich die Fähigkeit verbessert, an Trainingsprogrammen zur Reintegration in den Arbeitsprozess teilzunehmen", sagt Doz. Schöny. Ziel müsse es heute sein, nicht nur eine Verbesserung der klinischen Symptomatik, eine Vermeidung von Rückfällen und somit eine Reduzierung von wiederholten Spitalsaufenthalten zu erreichen, sondern auch eine Verbesserung der subjektiven Lebensqualität, des Wohlbefindens und der Zufriedenheit der Patienten.

Niedrigere Kosten, besserer Zugang zur Psychotherapie

"Die höheren Kosten der atypischen Antipsychotika werden durch eine kürzere Spitalsaufenthaltsdauer, durch einen geringeren Bedarf an Zusatzmedikation und in der ambulanten Therapie durch seltenere Arztbesuche wettgemacht", erklärt Prof. Katschnig. "Nicht zuletzt ist die Ent-Stigmatisierung der betroffenen Menschen ein wichtiger Grund für den weitreichenden Einsatz dieser Medikamente."

Außerdem hätten wissenschaftliche Studien gezeigt, dass Schizophrenie-Patienten, die mit modernen Antipsychotika behandelt werden, in einem wesentlich höheren Ausmaß psycho- und soziotherapeutische Angebote annehmen, als mit alten Medikamenten versorgte Patienten, sagt Prof. Katschnig. "Allerdings ist gerade die Finanzierung der psycho- und soziotherapeutischen Maßnahmen in Österreich nach wie vor nicht gesichert", kritisiert der Psychiater.

Hohe Wirksamkeit auch bei akuten Psychosen

Atypische Antipsychotika haben ihre Wirksamkeit nicht nur in der Langzeittherapie bewiesen, sondern sind auch in der Behandlung von akuten Psychosen genauso effizient wie die klassischen Neuroleptika, berichtete Prof. Dr. Padraig Wright, Senior Lecturer in Psychiatry in London, auf der Wiener Veranstaltung von aktuellen Studienergebnissen: "Die Therapie von akut psychotischen und agitierten Patienten erfordert den Einsatz von effektiven, sicheren und leicht verabreichbaren Medikamenten." Nur das schnelle Erreichen einer ausreichend hohen Medikamentenkonzentration im Blutplasma führe auch zu einer raschen Besserung der Symptomatik. Bisher war das allerdings mit einer oralen Therapie nicht möglich. "Seit neuestem ist jedoch eine schnell wirksame intramuskulär applizierbare Medikamentenform entwickelt worden, die das Management akut agitierter Patienten um vieles leichter macht", sagt Prof. Wright.

Geringe Nebenwirkungen, bessere Compliance

Atypische Antipsychotika hätten zudem signifikante Sicherheitsvorteile, die sowohl in der Kurzzeittherapie eine Rolle spielen als auch im Hinblick auf die Compliance. Es treten signifikant weniger verspätet eintretende Symptome auf - in den meisten Studien unter ein Prozent - als bei der Erstgeneration der Neuroleptika. Auch endokrinologische Effekte wie die Erhöhung des das Wachstum der Brustdrüse stimulierenden Hormons Prolaktin im Blut und die daraus resultierenden Nebenwirkungen seien signifikant seltener, erklärt Prof. Wright.

Früher gab es zu den klassischen Neuroleptika mit ihren äußerst unangenehmen Nebenwirkungen wie motorische Störungen oder Gereiztheitszustände keine Alternative. "Das und die Meinung, dass Betroffene ihr Wohlbefinden und ihre Lebensqualität nicht subjektiv beurteilen können, erklären auch das frühere wissenschaftliche Desinteresse an der Sicht der Patienten", ist Prof. Dieter Naber von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Hamburg überzeugt. Die Patienten wurden nicht nur durch ihre Krankheit, sondern auch aufgrund der sichtbaren Nebenwirkungen der medikamentösen Therapie stigmatisiert. "Durch die Einführung der atypischen Antipsychotika tritt endlich eine Änderung ein", sagt Prof. Naber. "Die Patientenperspektive, die Beurteilung des subjektiven Wohlbefindens und der Lebensqualität sind heute als therapeutische Erfolgskriterien inkludiert."

Gelegentliche Gewichtszunahme ist medikamentenunabhängig

Die gelegentlich beobachtete Gewichtszunahme bei Schizophrenie-Patienten, so Dr. Jogin Thakore, Psychiater am Royal College of Surgeons in Ireland sowie am St. Vincent's Hospital in Dublin, sei nicht auf die Gabe von Medikamenten zurückzuführen. Der Wissenschaftler konnte in aktuellen Studien nachweisen, dass schizophrene Patienten einen höheren Body Mass Index, einen höheren Kortisol-Spiegel im Blut und dreimal so viel Fettgewebe am Bauch aufweisen wie die gesunde Kontrollgruppe. Das viszerale, um die inneren Organe verteilte Fett wird mit Erkrankungen wie Diabetes mellitus II ("Altersdiabetes") und Herz-Kreislauf-Krankheiten in Verbindung gebracht.

Der Grund für diese übermäßige abdominale Fettablagerung ist allerdings derzeit noch nicht bekannt. Es sei allerdings gut vorstellbar, dass diese mit eine Ursache für die vorzeitige Mortalität der Patienten sein könnte, sagt Dr. Thakore. Dies sei Grund genug, die Patienten nicht nur psychisch, sondern auch aufmerksam klinisch-physikalisch zu untersuchen.

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