"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Letztes Kunststück" (von Floo Weißmann)

Ausgabe vom 6.10.2000

Innsbruck (OTS) - Milosevic ist wieder einmal ein machtpolitisches Kunststück gelungen, aber es könnte sein letztes gewesen sein. Die Annullierung der Präsidentschaftswahl durch das ihm hörige Verfassungsgericht erübrigt die Stichwahl am Sonntag, die von Opposition und Ausland sowieso nicht anerkannt worden wäre. Die Beschwerde der Opposition mutierte so zum Eigentor. Statt gefälschter Ergebnisse gibt es - zumindest offiziell - überhaupt keine mehr.

Auch das Verfassungsgericht kann seine Hände in Unschuld waschen:
Angesichts massiver Manipulation, die immerhin von der Opposition angezeigt wurde, ist eine Neuaustragung der Wahl ja wirklich nicht die abwegigste Entscheidung. Doch geht es hier nicht etwa um einen zweiten Anlauf zu korrekten Wahlen. Sondern um eine zweite Chance für Milosevic, seine Gegner mit brutalen Methoden mundtot zu machen und die Manipulation das nächste Mal besser vorzubereiten. Der Machthaber wollte auf Zeit spielen, aber genau das könnte jetzt sein Ende beschleunigen.

Die Massen in der Belgrader Innenstadt, die eine Festung der Macht nach der anderen überrennen, scheinen wild entschlossen zu sein, diesmal aufs Ganze zu gehen. Milosevic hat sie mit seinen Tricks nur zusätzlich aufgestachelt. Zur entscheidenden Frage für seine Zukunft und die ganz Jugoslawiens wird somit, wie sich Polizei und Militär verhalten. Um den Diktator zu stützen, müssten sie massiv eingreifen. Halten sie sich zurück, könnte Milosevic es bereuen, nicht rechtzeitig für einen eleganten Abgang gesorgt zu haben. Oder hat er noch ein As im Ärmel?

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Chefredaktion, Tel.: 0512/5354 DW
601¶

Tiroler Tageszeitung,

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT/OTS