"Die Presse" Kommentar: "FPÖ außer sich" (von Anneliese Rohrer)

Ausgabe vom 5.10.2000

Wien (OTS).Ganz ohne Häme: Der Zustand der FPÖ gibt Anlaß zu ernster Sorge.
Das ist nicht in dem Sinn gemeint, der in den letzten Monaten für heftige Diskussionen gesorgt hat; nicht einmal politisch im engeren Sinn. Die Sorge bezieht sich auf eigenartige Vorgänge, "komische" (Zitat eines FP-Politikers) Verhaltensweisen und somit auf die Psychologie der FPÖ, immerhin nunmehr Regierungspartei.
Jetzt sieht sich die FPÖ plötzlich mit dem schweren Vorwurf unrechtmäßiger Datenbeschaffung konfrontiert, und plötzlich scheint die so erfolgsverwöhnte Partei den Boden unter den Füßen zu verlieren, scheinen gewisse Aktionen in einem ganz eigenartigen Licht. Da tauchen Gerüchte auf, Landeshauptmann Jörg Haider will sein Versprechen in Kärnten brechen und doch wieder als Klubobmann nach Wien gehen. Da versteigen sich Haider und sein Getreuer Peter Westenthaler, zur Zeit FP-Fraktionsführer, dazu, der Öffentlichkeit weis machen zu wollen, sie hätten mit dem einst selbst hochgelobten FP-Gewerkschafter Kleindienst nichts zu tun, weil dieser von Datenklau im Dienste der FPÖ berichtet - übrigens zwei Jahre nachdem ein Datenklau in Salzburg den dortigen FP-Landesrat Schnell die Funktion gekostet hat. Da betont der Zweite Nationalratspräsident Prinzhorn schon zum wiederholten Mal, wie wenig ernst er Haider nehme, spricht ihm gleichzeitig Disziplin und Teamgeist ab. Und überall tauchen die gleichen Verhaltensweisen auf - Versprechungen von Mandaten etwa oder Unterdrückung von Informationen bis zur nächsten Wahl.
Wäre die FPÖ noch in Opposition, würde man nur den Kopf schütteln. Als Regierungspartei aber muß man sie an ihren eigenen früheren Ansprüchen messen: besser, anständiger, korrekter, glaubwürdiger zu sein als alle anderen Parteien.
Zu diesem Bild passen eben die derzeitigen Vorgänge so überhaupt nicht. Es ist wie im Leben einzelner Personen: Wenn eine mühsam aufrecht gehaltene Fassade zu bröckeln beginnt, sind die Folgen nicht mehr beherrsch- und kontrollierbar. Das führt zu irrationalen Verhaltensweisen, zu unverhältnismäßigen Reaktionen. Wenn aber die FPÖ außer sich gerät, ist die Regierung betroffen.

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