Ethik im Zeitalte der "Herrschaft der Gespenster"

"24. Salzburger Humanismusgespräch": Nachhaltigkeit, Moralisierung und Entmenschlichung

Salzburg, 30. September 2000/WK Sbg. Mit einem Begriff der ursprünglich aus der Waldwirtschaft stammt, nämlich der "Nachhaltigkeit", setze sich beim "24. Salzburger Humanismusgespräch" gestern, Freitag (29.9.), Nachmittag, Univ.-Prof. Dr. Hans-Christoph Binswanger vom Institut für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen auseinander.<p>
Für Binswanger ist eine Möglichkeit für die künftige nachhaltige Energiegewinnung, die Sonne zu einer erneuerbaren Ressource zu erklären, da ihre Einstrahlung 1000 mal so groß ist wie ihre derzeitige Nutzung als Energielieferant. Allerdings sei dieses Konzept auch nicht als "Königsweg" anzusehen, weil dafür viel Boden notwendig sei, etwa um Solaranlagen zu errichten. "Der zusätzliche Aufwand zur verstärkten Nutzung der Sonnenenergie hebt ihren Effekt beinahe schon wieder auf."<p>

Nach 1000 Jahren erschöpft<p>

Binswanger schlug in seinem Vortrag vor, auch einen Nachhaltigkeitsgrundsatz für nicht-erneuerbare Ressourcen aufzustellen: sie werden dann nachhaltig genutzt, wenn sie durch eine ständige Reduktion des Verbrauchs nie ganz aufgebraucht werden. Nach seiner Berechnung wären die weltweit vorhandenen
nicht erneuerbaren Ressourcen nach 1000 Jahren erschöpft, bei einem jährlichen Zuwachs des Verbrauchs von nur 5 Prozent jedoch bereits nach 83 Jahren. Wenn jedoch der Energieverbrauch nur um 0,1 Prozent pro Jahr sinkt, würden diese Ressourcen nach Ansicht Binswangers niemals zur Gänze aufgebraucht werden. Der Experte plädierte aus diesem Grund dafür, sich auf die Einsparung von Energie zu konzentrieren, etwa durch verstärkten Einsatz von Wärme-Kraft-Kopplungen, längerer Nutzungsdauer von Produkten oder verbesserter Wärmedämmung.<p>

Weltweite Tendenz der Moralisierung<p>

Eine "weltweite Tendenz der Moralisierung" sieht Univ.-Prof. Dr. Hermann Lübbe, Politikwissenschafter und Philosoph aus Zürich. Darin eingeschlossen sei auch die Ökonomie, die jedoch ihre eigene Moralität habe. Beispiel für eine immer stärkere öffentliche moralische Kontrolle sind für Lübbe etwa die Kampagnen gegen Raucher oder gegen Übergewicht. "Gerade das Thema Gesundheit - als eine Pflicht gegenüber uns selbst - wird immer mehr von der öffentlichen Moral kontrolliert!" Aber auch die "Pflichten gegenüber anderen" würden noch nie so heftig eingefordert wie heute, wie etwa die veränderte Behandlung Behinderter zeige.<p>

Die Moralisierung in der Politik habe vor etwa 20 Jahren begonnen. "US-Präsident Clinton reiste nach Afrika und entschuldigte sich dort für die Rolle der USA in der Sklaverei und bei den Olympischen Spielen in Sydney wird das Unrecht gegenüber den Aborigines nicht mehr totgeschwiegen. Die ‚Leidensnationen‘ gewinnen also gegenüber den ‚Täternationen‘ an Bedeutung."<p>

Weniger Arbeitszeit und mehr Sicherheiten<p>

Als Gründe für die zunehmende Moralisierung nannte Lübbe zwei Hauptfaktoren: Zum einen das Sinken der lebenslangen Arbeitszeit und zum anderen der Wunsch, sich auf Sicherheiten verlassen zu können. Der Anteil an selbstbestimmter Zeit sei gestiegen und damit der Anteil an selbstbestimmter Lebensführung, was auch zum Wunsch nach mehr Moralität führe. "Zur modernen Lebensführung gehört aber auch das Sich Verlassen auf Sicherheiten, womit der Anspruch an die Moral der anderen erhöht wird. Die zunehmende Moralisierung hat also einerseits ihre Begründung in mehr Freiheit des einzelnen aber auch in der verstärkten Abhängigkeit von anderen!"<p>

Herrschaft der Gespenster <p>

Mit der "Herrschaft der Gespenster" setzte sich schließlich der Wiener Industrielle Dkfm. Georg Mautner Markhof auseinander. Er bedauerte, dass in heutigen Unternehmensformen Mitarbeiter immer öfter nur "Gesichter" seien, die in Betrieben arbeiten, die von "Gespenstern" - also anonymen Personen oder Strukturen - geführt werden.<p>

Als Gründe für diese Entwicklung führte Mautner Markhof unter anderem das Erbrecht und die Globalisierung an. "Wenn ein Betrieb an alle Kinder übergeben werden muss, wächst die Zahl der Verantwortlichen. Kommt dann noch der Zwang zum Wachstum hinzu, ist die Gründung einer Aktiengesellschaft der nächste Schritt. Und das bedeutet die Herrschaft der unbekannten Aktionäre."<p>

Wirkliche Herren über Großindustrie <p>

Als "Obergespenster" betrachtet Mautner Markhof Investment- und Pensionsfonds, die entscheidenden Einfluss auf Unternehmen ausüben, ohne dabei persönlich aufzutreten. Sie seien die "wirklichen Herren über die Großindustrie", die Druck auf die Aktienkurse machen. Doch dabei bleibe immer der Mitarbeiter auf der Strecke. "Die menschliche Bewertung des Mitarbeiters fällt weg und dadurch wird auch dessen Bindung zum Unternehmen immer schwächer. Mitarbeiter und Chefs versinken in der Anonymität!"<p>

Dieser Ansicht widersprach SN-Chefredakteur Ronald Barazon ("Salzburger Nachrichten") als Diskussionsleiter: In jeder Erneuerungswelle habe es solche Tendenzen gegeben. Doch die erhöhte Selbstverantwortung
sei ein Charakteristikum unserer Zeit, zu der es nicht passe, sich unter den
Schutzschirm seines Firmenchefs zu begeben. "Und wenn der ‚böse Shareholder value‘ beklagt wird, sollte man doch nicht übersehen, dass er dafür verantwortlich ist, dass es einem Unternehmen wirtschaftlich gut geht!" <p>

Weitere Informationen über das "24. Salzburger Humanismusgespräch" unter http://salzburg.orf.at sowie unter http://wko.at/sbg/<p>;

Fotos sind anzufordern bei: Franz Neumayr, Tel. 0664/3080900

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