"Die Presse"-Kommentar: "Danke, liebe Scheichs" (von Josef Urschitz) Ausgabe vom 25.9.2000

WIEN (OTS). Wer sich in diesen Tagen die Boulevard-Schlagzeilen zu Gemüte
führt, der bekommt den Eindruck, als ohnmächtiges Opfer in eine Verschwörung von Spekulanten und "Ölpreiswucherern" geraten zu sein. Das alles, weil sich Industriestaaten und deren Ölmultis durch ungeschickte Lagerpolitik in eine Situation manövriert haben, die den Ölförderländern erstmals seit langem wieder Oberwasser beschert. Natürlich: Wer täglich 80 Kilometer an seinen Arbeitsplatz pendelt und mit Heizöl heizt, der spürt das in seiner Brieftasche. Aber man sollte die Dinge dennoch ein wenig ins rechte Lot zu rücken. Erstens: Selbst jetzt liegen Benzin- und Ölpreise real unter dem Niveau, das sie Ende der siebziger Jahre erreicht hatten. Treibstoffe gehören also zu den wenigen Gütern, die in den letzten 30 Jahren billiger geworden sind.
Zweitens: Der überwiegende Teil der Treibstoffpreise geht nicht an "Ölpreiswucherer", sondern an den Finanzminister (der auch an den jetzigen Ölpreissteigerungen nicht schlecht verdient).
Die Steuerbelastung ist nicht zuletzt unter dem Deckmäntelchen der Ökologie so hochgeschraubt worden. Jetzt redet aber plötzlich keiner mehr von Umwelt. Die Öko-Aktivitisten sind offenbar so mit der Blockade von tschechischen Grenzübergängen so ausgelastet, daß ihnen keine Zeit bleibt, einmal "Danke, liebe Scheichs" zu sagen.
Erinnern wir uns: Vor dem Ölschock 1974 war der "Käfer" mit 35 PS und 15 Litern Verbrauch die Regel auf den Straßen. Der Ölschock hat einen gigantischen Technologieschub ausgelöst - mit enormen Einsparungen beim Treibstoffverbrauch. In den vergangenen Jahren ist diese Entwicklung eingeschlafen: Die Konsumenten kaufen größere Autos, was den Einspareffekt in der Motorentechnologie wieder aufhebt.
Nach marktwirtschaftlichen Kriterien ist Treibstoff also zu billig. Die Schwelle ist erst dann erreicht, wenn der Verbrauch insgesamt wieder zu sinken beginnt.
Das hören Leute, die nun einen Tausender fürs Tanken brauchen, klarerweise nicht gern. Aber aus wirtschaftlicher wie aus ökologischer Sicht gibt es keinen Grund, daß Finanzminister panisch werden und die Preise durch Steuersenkungen reduzieren.

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