STANDARD-Kommentare am Mittwoch: Erschienen:16.09.2000 Der Druck der Barzahler Studiengebühren sind

sinnvoll - aber nur, wenn es dafür auch einen Gegenwert gibt Martina Salomon =

Wien (OTS)-
Uni live, 31. August 2000: Standard-Anruf am Institut für Klinische Psychologie. Ist der Herr Professor da? "Der ist auf Urlaub", sagt die Sekretärin. Hat er ein Handy? "Nein." Könnten Sie ihm was ausrichten? "Im Urlaub störe ich ihn prinzipiell nicht." Wie lange ist er denn schon auf Urlaub? "Zwei Monate." Wann ist er wieder erreichbar? "Nächste Woche." Also am Montag? "Am Montag ist er eigentlich nie da."

Sollen Studenten auch für solche Qualitätsstandards Gebühren zahlen? Ja, sagt die Regierung. Und kalkuliert damit ein, dass die studentischen Barzahler Druck auf die Unis für mehr Qualität ausüben. So sieht es zumindest die Bildungsministerin (die allgemeine Studiengebühren monatelang ausgeschlossen hat).

Die reichlich unvermittelt aus dem Regierungsärmel geschüttelten Studiengebühren sind vorläufiger Höhe-, aber kaum Endpunkt einer Endlosdebatte um den Gratiszugang zu den Hohen Schulen.

Für die Mehrheit in der SPÖ waren Gebühren immer tabu. Auch dann noch, als 1996 eine unter dem damaligen Wissenschaftsminister Rudolf Scholten veröffentlichte Studie - die das Ressort in Auftrag gegeben hatte - den "Abschied vom Nulltarif" empfahl. Autor Hans Pechar argumentierte damals genauso, wie es heute die Regierung tut:
Gebühren würden Anreize zu stärkerer Serviceorientierung der Unis erzeugen. Und: Der Nulltarif habe den Anteil sozial schwächerer Gruppen an den Studierenden nicht erhöht.

Gegner von Gebühren haben hingegen immer gemeint, dass damit gerade die Kinder niedriger Bildungsschichten vom Studium abgeschreckt würden. Und wer Gebühren verlange, müsse die Stipendien so stark erhöhen, dass es letztlich für das Budget nichts mehr bringe.

So verfestigte sich seit Hertha Firnberg ein Zustand an den Universitäten, den man mit resignativer Wurschtigkeit umschreiben könnte. Lehrende wie Lernende lassen Prüfungstermine ohne Vorankündigung sausen, viele Professoren nehmen ihre zahlreichen Nebenbeschäftigungen wichtiger als den Job an der Uni, die Studien dauern so lang wie nirgendwo sonst, und nur rund jeder zweite Hörer schließt sein Studium auch wirklich ab.

Österreich ist - oder besser war - mit seinem hürdenfreien Universitätszugang international ein Unikum. Und weil sich viele Institute von Studenten überschwemmt sahen, wurden eben versteckte Selektionen erfunden. "Die Mehrheit der Studenten wird Scheibchen für Scheibchen hinausfrustriert", stellte der Zivilrechtsprofessor und ehemalige Schulpolitiker Bernd Schilcher erst diesen August in einem Standard- Kommentar fest.

Eines ist sicher: Die Studentenstatistik wird dank Gebühren bereinigt - um Karteileichen und um jene, die wegen einiger (weniger) Vergünstigungen inskribiert haben.

Man vermisst derzeit aber schmerzlich zahlreiche Begleitmaßnahmen. Zuallererst sind deutlich höhere Stipendien nötig. Zusätzlich denkbar wären auch zinsenfreie Kredite für Studenten. Wer Gebühren verlangt, muss auch die Qualität des Angebots sichern. Sprich: Unis finanziell auszuhungern und gleichzeitig von den Kunden Geld zu verlangen, ist reichlich unseriös.

Für manche Lehrenden wäre die Schaffung echter Teilzeitjobs vernünftig: Wer an der Uni (wegen anderer Verpflichtungen, etwa an Fachhochschulen) nur Teilzeit arbeitet, soll auch nur Teilzeit bezahlt bekommen. Gleichzeitig - und das wird wohl am schwierigsten sein - muss die Lehre aufgewertet werden. Denn in der wissenschaftlichen Gemeinde zählt ja in Wahrheit nur, wer dicke Bücher publiziert. Studentenbetreuung gilt meist als lästiges Anhängsel einer Unikarriere, dessen man sich am besten mithilfe junger Assistent(inn)en entledigt.

Den Wahrheitsbeweis, dass es sich bei den neuen Gebühren nicht um eine reine Geldbeschaffungsaktion handelt, muss die Regierung erst antreten. In diesen Tagen, wo der Budgetsparkurs alle Mittel heiligt, ist Skepsis angebracht.

Säbelrasseln

Gudrun Harrer

3z,All das passierte am Wochenende in Bagdad mehr oder weniger gleichzeitig: ein Raketenangriff der irakischen islamistischen Opposition, die Landung eines russischen Flugzeugs auf dem vor kurzem wieder eröffneten Flughafen und ein Empfang Saddam Husseins für Dutzende Poeten (und Poetinnen!), die ihm Lobgedichte vortrugen. Dazu wächst in Kuwait die Nervosität angesichts aggressiver Töne aus Bagdad, das - ganz wie vor dem Überfall auf Kuwait vor zehn Jahren -das Emirat beschuldigt, Öl von irakischen Ölfeldern an der Grenze zu stehlen, als Antwort darauf kommen saftige Drohungen aus den USA.

Saddam bringt sich wieder einmal ins Gespräch: Bei hohen Ölpreisen, leeren Tanks weltweit und einem Präsidentschaftswahlkampf in den USA lässt es sich gemütlich provozieren. Seine Drohgebärden gegen Kuwait muten gefährlich an, werden aber von Experten nicht wirklich ernst genommen. Das Gros der irakischen Truppen ist in miserablem Zustand, und militärisch kontrolliert Saddam nicht einmal sein eigenes Land lückenlos. Ganz offensichtlich wurden die Raketen, die am Sonntag in Bagdad einschlugen, von irakischem Territorium abgeschossen (und nicht vom Iran aus, wie Bagdad behauptet), und das ist nur ein Beispiel. Es müsste also schon etwas Besonderes geschehen, damit die USA in etwas einsteigen, das über den täglichen Kleinkrieg in den Flugverbotszonen hinausgeht - der ist schon teuer und umstritten genug.

Und so geht parallel zu all dem Säbelrasseln eine gewisse, von wirtschaftlichen Interessen diktierte Normalisierung flott weiter, auch Österreich schickt ja demnächst wieder einen Handelsdelegierten nach Bagdad. Das russische Flugzeug, das am Sonntag mit UN-Genehmigung im Irak landete, segelte unter humanitärer Flagge -und hatte neben Hilfsgütern auch elf Ölexperten an Bord.

Die Aufarbeitung

Samo Kobenter

3, Manchmal kann man es auch übertreiben, wenn es einem besonders gut läuft. Die Regierung will jetzt darangehen, die Rolle der Opposition von der Verhängung bis zur Aufhebung der EU-Sanktionen "aufzuarbeiten". Das hatscherte Prädikat scheint aus einer anderen, unveröffentlichten Absichtserklärung an das Ende dieses Satzes herübergerutscht zu sein: Aufgearbeitet soll in erster Linie wohl die Opposition als solche werden.

Das verspricht Kurzweil und Unterhaltung im Hohen Haus. Eine Regierung, deren Angebot zur gemeinsamen Arbeit für das Land sich im skandierenden Zuruf "Schulterschluss, Schulterschluss!" erschöpft, bestätigt in hybrider Überschätzung der Wirkung eines vermeintlichen Sieges - über wen eigentlich? - mit ihrem Beharren auf diesem Thema von allen bösen Unterstellungen der Opposition besonders diese: dass ÖVP und FPÖ die Sanktionen benützen, um von ihren wahren Absichten, etwa im Sozialbereich, abzulenken. In der täglichen Praxis der Politik braust die schwarz-blaue Koalition über ganze Gesellschaftsschichten hinweg, als ob es kein morgen gäbe. Vorab besprochen wird nichts mehr, Interessenvertreter und Sozialpartner werden in Kenntnis gesetzt. Und im Parlament wird nicht diskutiert, was uns die Regierung nimmt, sondern wie sie es der EU gegeben hat -und vor allem, wer dabei war und wer nicht.

Ein Comeback der Politik hat sich die Opposition erhofft. Von der Regierung wird das nicht wirklich gefördert, also wird sie sich selber darum kümmern müssen. "Speed kills", klar, aber irgendwann tötet die Geschwindigkeit sich selbst. Vielleicht schon in drei Jahren oder, in neuer Zeitrechnung ausgedrückt, 30.000 Schilling pro Student später: wenn beispielsweise einige Hunderttausend Studierende zur Wahl gehen werden.

Konzern oder Chaos

Claudia Ruff

3z, Dass drei Fluggesellschaften - AUA, Tyrolean und Lauda -, die zwar in einer Gruppe zusammengefasst sind, de facto aber wie selbstständige Unternehmen am Markt agieren, wirtschaftlich nicht sinnvoll sind, leuchtet ein. Noch dazu, wo zwei, AUA und Lauda, derzeit massiv in die Verlustzone gerutscht sind. Um international halbwegs konkurrenzfähig zu sein, müsste es gelingen, wichtige Teilbereiche wie die Ticketvergabe, die Finanzgebarung, die Streckenplanung oder den Kerosineinkauf zentral zu steuern. Um das zu erreichen, müssen aber klare Eigentumsverhältnisse geschaffen werden. Und genau das passiert gerade. Die AUA wird ihre Option auf Lauda-Aktien einlösen und dann die Mehrheit an der Airline halten.

Dass die AUA als Eigentümerin der Tyrolean und baldige Mehrheitseigentümerin der Lauda nun darangeht, aus der losen Gruppe mit eitlen Häuptlingen einen mehr oder weniger straff geführten Konzern mit klaren Kompetenzen zu schaffen, ist nur die logische Konsequenz dieser Entwicklung. Und das ist, trotz aller Querschüsse des Herrn Lauda, betriebswirtschaftlich höchst an der Zeit. Denn wenn jede Konzern-Tochter ohne klare Vorgaben agieren könnte und damit machen kann, was sie will, bringt das weder Synergien noch Kostenvorteile, sondern lediglich Chaos.

Wirklich entscheidend ist nur, ob es gelingt, die Lauda Air als strategischen Billig-Carrier im Markt zu positionieren. Denn der Kostenvorteil, den die AUA zu haben glaubt, wenn sie den bestimmenden Einfluss bei der Lauda Air hat, ist schnell dahin. Dann nämlich, wenn der Betriebsrat der eigenen Firma bei der Neuerwerbung einschreitet und deren Mitarbeiter mit dem (höheren) Kollektivvertrag der neuen Mutter zwangsbeglückt. Und das geschieht derzeit bei der Lauda Air.

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