DER STANDARD bringt in seiner Mittwoch-Ausgabe einen Kommentar zu insznierten Parlamentssitzungen: Inszenierung als Sprachverlust. Über die Entschlüsselung und Umsetzung einfacher Bilder in der

Politik (von Samo Kobenter) Ausgabe vom 6.9.2000

Wien (OTS) - Die Regierung beim gemeinsamen Wandern durch die
Hügel an der steirischen Weinstraße, die Regierung beim gemeinsamen Museumsbesuch, der Kanzler, wie er fröhlich aus dem Porsche seines schwierigsten Wegbegleiters in die heitere Sommerlandschaft Kärntens lacht: Bilder einer Inszenierung, klar, leicht lesbar. Nicht, dass dies - die Inszenierung - ein Privileg der gerade an der Macht Befindlichen wäre. Man erinnert sich noch gut an grüne Rollschuhläuferinnen, an Ex-Kanzler im Hochwassereinsatz, an Landespolitiker als ebenso fotogene wie überflüssige Katastrophenhelfer.

Was die Verbreitung solcher Bilder dem Betrachter vermitteln wollen, scheint klar: An den Taten sollt ihr sie erkennen, nicht an den Worten. Aber was unterstellt dieser Ansatz eigentlich den Wählern, und welches Selbstverständnis der eigenen politischen Arbeit liegt ihm zugrunde? Was bedeutet es, wenn Politiker ihre Arbeit nicht mehr primär durch die Sprache, sondern durch Inszenierung eingängiger Bilder vermittelt? Offenbar ist es mittlerweile kommunikativer Konsens zwischen den Produzenten und den Empfängern solcher Zeichen geworden, dass es einen Gegensatz zwischen verbaler Sprache und "natürlichen" Zeichen gibt.

Offenbar ist die Mediengesellschaft stillschweigend übereingekommen, dass Sprache als Vehikel der Täuschung und des Betruges eingesetzt werden kann, und dass genau dies der Politik von den Leuten unterstellt wird, die sie als die "kleinen" bezeichnet und an die sie sich wendet. Also wird die Vermittlung eines Systems nichtsprachlicher Zeichen eingeführt, welche die Menschen auch dann verstehen, wenn sie die Mächtigen mit ihrer Rede zu täuschen versuchen.

Je komplizierter sich die Realität für den Einzelnen darstellt, umso verlockender ist die Suggestion, dass sich diese durch ein einfach zu entschlüsselndes Zeichensystem nachvollziehen lässt: Ein Bundeskanzler, der schön Ski fährt und gut Fußball spielt, kann kein schlechter Staatsmann sein. Die Methode des Vergleiches macht uns sicher: wenn wir auch selbst nicht so schön Fußball spielen oder Skifahren können, wissen wir durch Beobachtung doch, wie das geht. Die Vertrautheit mit diesen Zeichen ersetzt das verlorene Vertrauen in die Sprache, die der Darstellung komplexer Sachverhalte dient und im ursprünglichsten Sinn nicht mehr verstanden wird.

Natürlich erspart sich eine Politik, die ihre Überzeugungskraft vorwiegend auf die Vermittlung schöner Bilder abstellt, unendlich viel an Darstellungsarbeit. Sie entzieht sich auch dem Risiko vielschichtiger Interpretation, die einfache Inszenierungen wie die jüngste des gemeinsamen Regierungsausfluges nicht einmal ansatzweise eingeht. Sie erfüllt außerdem mit Leichtigkeit die Erwartungen einer Kommunikationgesellschaft, die auf eine im Rhythmus von Video-Clips geschnittenen Abfolge simpler Bilder abstellt. Aus einer Fülle von Informationen werden jene zusammengestellt, die am leichtesten haften bleiben.

Der Choreografie solcher Inszenierungen folgen immer stärker auch jene Veranstaltungen, die tatsächlich noch auf der Kraft des gesprochen Wortes zu beruhen scheinen. In der gestrigen Nationalratsdebatte wurde einmal mehr deutlich, dass die Sprache kaum noch der Darstellung politischer Inhalte, sondern vielmehr der Vermittlung einfacher Inszenierungen gilt. Was Gusenbauer zum Budget zu sagen hat, bezeichnet weniger seine Kritik als vielmehr die Rolle, in der er sich sehen will - er beschreibt sich selbst als argumentierenden Oppositionsführer. Die Replik Grassers vollzieht sich analog, indem sie vor allem die Pose des kalkulierenden Finanzfachmannes umreißt. Da tut es wenig zur Sache, das von dieser nur peripher die Rede ist.

Es ist müßig, den Verlust darstellender Transparenz in dieser Art der Kommunikation zu beklagen. Wir alle beteiligen uns ja daran, und als Inszenierung kann nur erfolgreich sein, was so akzeptiert wird. Und das ist nicht einmal ironisch gemeint.

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