Alpbacher Mediengespräche 2000: Ergebnisse der Arbeitskreise

Journalisten, Wirtschafts-, Medienexperten und Politiker zum Thema "Informations- und Kommunikationskultur der Zukunft"

Wien/Alpbach, (OTS) - "Informations- und Kommunikationskultur der Zukunft" war das Thema der zweiten "Alpbacher Mediengespräche", die von Donnerstag, dem 31. August, bis Samstag, den 2. September 2000, stattfanden. Veranstalter dieser Tagung mit prominenten Teilnehmern aus dem In- und Ausland waren der Verband Österreichischer Zeitungen und der ORF in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen College. Im Rahmen der "Mediengespräche" beschäftigten sich vier Arbeitskreise am Freitag, dem 1. September, mit den Themen "TVisionen - Was bringt die Fernsehzukunft?", "Schranken für die Konvergenz?", "Regulierungsbehörde - Motor der Entwicklung?" und "Content and E-Commerce - Erfolgsfaktor Inhalt?". Die Ergebnisse der Gespräche wurden am Freitag, dem 1. September, vorgestellt und mit Medienpolitikern aller im Parlament vertretenen Parteien diskutiert.

Die von "Presse"-Chefredakteur Andreas Unterberger moderierte Politikerrunde setzte sich zusammen aus Staatssekretär Franz Morak und den Abgeordneten zum Nationalrat Josef Cap, Michael Krüger, Klubobmann Andreas Khol und Peter Pilz. Andreas Unterberger war auch Moderator der Präsentation der Arbeitskreisergebnisse.

Die Ergebnisse der Arbeitskreise:

Arbeitskreis 1: "TVisionen - Was bringt die Fernsehzukunft?" Moderation: Hubert Patterer, stv. Chefredakteur "Kleine Zeitung", Graz
Teilnehmer: Steve Hewlett, Carlton TV, London; Werner Lauff, Geschäftsführer, Bertelsmann Broadband Group (BBG), Hamburg; Jan Mojto, Geschäftsführer, KirchMedia, Präsident der Association of Commercial Television in Europe (ACT), Ismaning; Kathrin Zechner, Programmintendantin, ORF, Wien

Hubert Patterer präsentierte als Ergebnis der Arbeitskreisberatungen zehn Thesen zur künftigen Entwicklung des Fernsehens:

1. Fernsehen wird digital, flächendeckend. Da sich digitale Signale stärker komprimieren lassen als analoge, vervielfacht sich die Zahl der Programme und Kanäle.

2. Das Fernsehen wird fragmentiert und fächert sich in einer Fülle von Portalen und Kanälen auf.

3. Das Fernsehen wird interaktiv und multimedial. Der TV-Schirm wird zum Internetschirm. Die große Gefahr: das Programm als Lockmittel und Stimulans für E-Commerce.

4. Für interaktives Fernsehen sind ein Rückkanal und eine Decoder-Box Voraussetzung.

5. Durch digitales Pay-TV erfolgt eine Individualisierung des Fernsehens, die Macht verlagert sich von den Programmachern zu den Konsumenten.

6. Die Möglichkeit interaktiven technischen Fernsehens bedeutet noch nicht, daß der TV-Konsument diese auch nützt und ausschöpft.

7. Die Fragmentierung des Angebots impliziert einen immensen Bedarf an Programmen. Diese müssen finanziert werden. Neben Werbeeinnahmen wird das Abonnentenfernsehen (Pay-TV, Pay-per-View, Video on Demand) als Finanzierungsquelle an Bedeutung gewinnen. Darüber hinaus wird es zu Zusammenschlüssen von Contentanbietern kommen, um Ressourcen zu handeln.

8. Die Notwendigkeit der Verwertung von Inhalten in allen Medien führt zu Fusionen von noch nie dagewesener Größenordnung (AOL, Time Warner).

9. Das interaktive, multimediale Kommerzfernsehen wird qualitative Inhalte keineswegs überflüssig machen - im Gegenteil: "Content will be the King" (Steve Hewlett).

10. Was werden die großen, erfolgreichen Inhalte der Zukunft sein? Auf diese Frage gibt es keine schlüssige Antwort, nur zwei Bereichen zeichnen sich als "erfolgversprechend" ab: Fußball und Erotik.

Arbeitskreis 2: "Schranken für die Konvergenz?"

Moderation: Andreas Koller, "Salzburger Nachrichten", Wien Teilnehmer: Davide Gallino, Kontrollbehörde, Rom; Jo Groebel, Direktor, Europäisches Medieninstitut, Düsseldorf; Lawrence Grossman, ehemaliger Präsident NBC News, New York; Hannes Leopoldseder, Informationsintendant, ORF, Wien; Viktor Mayer-Schönberger, Assistant Professor of Public Policy, Harvard University; Werner Schrotta, Präsident European Newspaper Publisher's Association, Brüssel

Andreas Koller skizzierte die zentralen Fragestellungen, welche die Diskussion bestimmten: Wächst zusammen, was zusammen gehört, oder entstehen neue Medienmonopole von Orwell'scher Dimension? Wird die Mediennutzung interaktiv, weil jeder eine Site ins Internet stellen kann, oder werden die Konsumenten mehr denn je abhängig von globalen Medienkonzernen?

Jo Groebel stellte die Frage der Refinanzierbarkeit:
Medienunternehmer von heute müßten ihre Inhalte aus sämtlichen medialen Kanälen sprudeln lassen, ohne zu wissen, welche dieser Kanäle sich rechnen werden und welche nicht. Groebel glaubt zwar an eine standardisierte Infrastruktur für die gesamte Telekommunikation, nicht aber an das universale Endgerät.

Davide Galino ortete einen Interessenskonflikt zwischen der Medienwirtschaft, die unter Hinweis auf die globale Konkurrenzsituation expansive Gelüste hege, und der Politik, die regelnd und beschränkend eingreifen wolle.

Lawrence Grossman sah zwei wesentliche Grenzen der Konvergenz: neben der durch die Politik gezogene Grenze bestehe die "Grenze des Erfolgs". Erfolgreiche Medienunternehmer wollten oftmals keine Risiken eingehen und versuchten, neue Techniken zu verhindern, statt in sie zu investieren. Grundsätzlich bestehe das Problem, daß immer mehr Angebot durch immer weniger Anbieter zur Verfügung gestellt werde.

Viktor Mayer-Schönberger stellte die These auf, daß Konvergenz im Medienbereich nicht existiere. "Drachentöter brauchen Drachen", daher werde nach einer Beschränkung für etwas gerufen, das es gar nicht gebe. Als weitere Form der Konvergenz sei die formale Konvergenz denkbar, also die Aufhebung der Trennung zwischen Sender und Empfänger; auch dieser Trend sei nicht allzu bedeutend. Beschränkungen der Konvergenz, neue Kontrollbehörden seien daher unnötig.

Werner Schrotta erklärte daß die Politik oft falsche Grenzen ziehe und nannte als Beispiel die 26-Prozent-Regelung im heimischen Regionalradiogesetz, die jetzt fallen solle. Schrotta plädierte für große Zurückhaltung bei neuen gesetzlichen Regelungen. Der größte Hemmfaktor der Konvergenz sei der Konsument selbst, sein Beharrungsvermögen in bezug auf Mediennutzung und Verwendung seines Zeitbudgets. Zudem sei es nicht nur schwierig, die Inhalte an den Konsumenten zu bringen; es gäbe auch nicht genug Fachkräfte, die multimediale Inhalte gestalten können. Eine Verbesserung durch diverse Fachhochschullehrgänge sei in Sicht.

Hannes Leopoldseder, Informationsintendant des ORF, entwarf ein Szenario einer drastischen Veränderung der Medienlandschaft für die Zeit, in der das Breitbandproblem des Internet gelöst sei und nicht nur Texte und Bilder, sondern auch Spielfilme über das Netz zu beziehen seien. Fernsehen und Internet würden aber nebeneinander weiterbestehen. Die Konvergenz berge Gefahren in demokratiepolitischer Hinsicht, beispielsweise den möglichen Mißbrauch einer wirtschaftlichen Machtstellung oder den Mißbrauch von Daten. Die Politik habe auf diese Fragen noch keine Antworten gefunden. Leopoldseder glaubt nicht daran, daß im Bereich der neuen Medien "jeder alles machen kann": Ohne Professionalität und Können sei niemand in der Lage, seine Inhalte an den Konsumenten zu bringen.

Gemeinsamer Nenner des Arbeitskreises 2: Konvergenz bietet mehr Chancen als Gefahren. Konvergenz benötigt mehr mediales und journalistische Know-how, als derzeit zur Verfügung steht. Konvergenz kann ohne neue gesetzliche Regelungen funktionieren.

Arbeitskreis 3: "Regulierungsbehörde - Motor der Entwicklung?" Moderation: Claus Reitan, Chefredakteur "Tiroler Tageszeitung", Innsbruck
Teilnehmer: Walter Barfuß, Schönherr Barfuß Torggler & Partner, Rechtsanwälte, Wien; Wolfgang Buchner, Leiter Administration, ORF, Wien; Martin Dumermuth, Vizedirektor, Bundesanstalt für Kommunikation, Biel; Michael Niebel, Special Adviser, Europäische Kommission, Brüssel; Wolf-Dieter Ring, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, München; Heinz Wittmann; Medienrechtsexperte, Wien

Als eines der Ergebnisse des Arbeitskreises nannte Claus Reitan, daß Konvergenz in technischer Hinsicht unbestritten sei, weil Informationen/Content digitalisiert übertragbar seien und weil Telekommunikation und Rundfunk Frequenzen benötigten, wie Wolf-Dieter Ring, Michael Niebel und Wolfgang Buchner betonten.

Darüber hinaus bestehe Divergenz: Es sei weiterhin zwischen Individual- und Massenkommunikation zu unterscheiden; Konvergenz hinsichtlich Organisation, Unternehmern und Kapital fehle. Die Entwicklung gehe allerdings in Richtung Konvergenz: Denn zuerst komme die technische Konvergenz, dann die inhaltliche, organisatorische und zuletzt jene der Abrechnung.

So wie die Konvergenz sei auch die Regelung zu differenzieren, und zwar hinsichtlich materieller Zielsetzung, formaler Struktur und ordnungspolitischer Vorgangsweise sowie staatsrechtlicher und legistischer Systematik.

Inhaltlich-materiell heißt: Bei der Individualkommunikation Telefonie gehe es um niedrige Tarife, bei der Massenkommunikation um hohe Meinungsvielfalt, bei den öffentlich-rechtlichen Medien um einen Versorgungsauftrag. Bei der d-Box gehe es um Zugangsmöglichkeit, bei der Frequenzaufteilung darum, wer welche bit-Raten übertragen dürfe.

Daher bestehe zwischen Technik, Recht und Politik "ein untrennbarer Zusammenhang" (Ring). Man dürfe "Technik und Inhalt nicht gegeneinander ausspielen" (Dumermuth), es müsse "zu Zusammenarbeit kommen" (Niebel). Die EU wird laut Niebel keine eigene Konvergenzbehörde schaffen, habe aber nationale Institutionen als Adressaten ihrer Richtlinien. Da die Staaten über eine höchst unterschiedliche Verfassung (Kompetenztatbestände) und Rechtskultur (Behörden/Gericht) verfügten, gebe es nur quasi-individuelle Lösungen (FCC, BAKOM, BLM), aber keine allen zu empfehlende einheitliche Lösung.

Eine Regulierungsbehörde sei "alleine noch kein Motor" (Barfuß), könne aber "Entwicklungen eher ermöglichen oder eher behindern" (Dumermuth), beziehungsweise "mit den Unternehmen ein Motor sein" (Ring). Buchner sieht sie als "Faktor der Steuerung", Wittmann als "Impulsgeber". Vor Beschluß über eine Medienbehörde "sollte man sich alle Modelle ansehen und keinesfalls Mikroregelungen schaffen" (Niebel), sondern eine "kompetente und neutrale Instanz" (Ring). Politik und Gesetzgeber seien gefordert, klare Ziele zu formulieren.

Arbeitskreis 4: "Content and E-Commerce - Erfolgsfaktor Inhalt?" Moderation: Karl Pachner, Leiter Business Development, ORF, Wien Teilnehmer: Heinz Lederer, Geschäftsführer Lion.cc, Konzernsprecher LIBRO AG, Guntramsdorf; Eugen A. Russ, Herausgeber, "Vorarlberger Nachrichten", Bregenz; Lukas Stipkovich, Chefanalyst CAIB, Abteilungsleiter Aktienanalyse Österreich, Wien; Helmut Thoma, Berater des Ministerpräsidenten in Medienfragen des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf; Alexander Wrabetz, Kaufmännischer Direktor, ORF, Wien

Laut Moderator Karl Pachner bestand Konsens im Arbeitskreis hinsichtlich der Forderung, ein Must-Carrier-Prinzip für die Anbieter von Telekommunikationsdiensten durchzusetzen. Die Geschäftsmodelle des E-Commerce seien nur dann erfolgreich umsetzbar, wenn es den Telekomgesellschaften verunmöglicht werde, die Durchleitung von Contents zu verhindern. Vielmehr müßten alle Verteilnetze für alle Anbieter offen sein. Ansonsten bestehe auf österreichischer Ebene kein weiterer Regulierungsbedarf in diesem Bereich. Bei der weiteren Entwicklung des Online-Geschäfts solle man sich auf die Marktkräfte verlassen und allenfalls EU-weite oder globale Regelungen und Standards entwickeln.

Weiters soll der Gesetzgeber den Medienunternehmen ermöglichen, sich organisch zu Medienhäusern weiterzuentwickeln. Zuletzt wurde übereinstimmend betont, daß ein effizienterer Kapitalmarkt als Katalysator für die weitere Entwicklung der E-Commerce-Branche geeignet wäre.

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