Kurt Bergmann beim Europäischen Forum Alpbach: 20 Prozent der Verteidigungsausgaben für internationalen Friedensfonds

Wien/Alpbach (OTS) - Kurt Bergmann, Initiator von "Nachbar in Not" sowie ORF-Leiter der Aktion "Licht ins Dunkel", hielt am Dienstag, dem 29. August 2000, beim Europäischen Forum Alpbach im Arbeitskreis "Errichtung einer zivilen Gesellschaft in Krisengebieten" ein Referat, in dem er unter dem Titel "20 Prozent der Verteidigungsausgaben für einen internationalen Friedensfonds" ein ausgewogenes militärisches und humanitäres Engagement der Staatengemeinschaft im Sinne einer neuen Friedensordnung einforderte.

Das Referat im Wortlaut:

Als ersten großen Schritt zu einer neuen Friedensordnung wird es notwendig sein, den militärischen und den humanitären Arm der Staatengemeinschaften gleich stark zu machen. Spätestens nach den Ereignissen der vergangenen Jahre auf dem Balkan muß allen klar sein, wie wichtig es in Zukunft ist, daß in den Konflikt- und Krisenherden dieser Welt sowie bei Hunger- und Naturkatastrophen die rasche humanitäre Hilfe und der Aufbau neuer ziviler Strukturen endlich auf eine professionelle Grundlage gestellt werden.

Während militärische Operationen auf Knopfdruck funktionieren und für sogenannte internationale Aktionen blitzartig Geräte, Waffen und Soldaten sowie in reichem Masse Geld zur Verfügung stehen, wird die humanitäre Erstversorgung vorwiegend der Eigeninitiative der privaten Hilfsorganisationen bzw. der Großzügigkeit privater Spender überlassen. Die öffentliche Hilfe staatlicher und halbstaatlicher Einrichtungen erfolgt zumeist zu langsam, zu bürokratisch und mit nicht ausreichender Kenntnis der Lage. Die Verantwortlichen der Vereinten Nationen oder der EU gebärden sich in vielen Fällen nicht wie Helfer, sondern wie Besatzer. Die Zusammenarbeit mit den NGOs (Non Governmental Organisations) ist nach wie vor unterentwickelt.

Die mehr als 30 registrierten Konflikte in der Welt stellen den Vereinten Nationen, aber auch der Europäischen Union und anderen Zusammenschlüssen von Staaten ein schlechtes Zeugnis aus. Es muß daher alles getan werden, um in Not geratenen Menschen im Krisenfall schnell zu helfen, damit sie bald wieder ein menschenwürdiges Dasein führen können. Dazu gehören:

1. Bei den Vereinten Nationen, aber auch in der EU ist ein permanentes ziviles Friedenskorps einzurichten, das ständig einsatzbereit ist und das auf Grund seiner praktischen und psychologischen Ausbildung in der Lage ist, die Notversorgung und den Wiederaufbau zu organisieren.

2. Zur Finanzierung dieses permanenten zivilen Friedenskorps verpflichten sich alle Staaten, jährlich 20 Prozent ihrer Militärausgaben in einen "Friedensfonds" einzuzahlen. Mit diesem Geld sollen die laufenden Trainings- und Ausbildungskosten sowie die Noteinsätze finanziert werden. Im jeweils konkreten Fall sind für die Zukunftssicherung Sonderbeiträge zu entrichten.

3. Die Arbeit der privaten Hilfsorganisationen, der NGOs, ist nicht nur zu koordinieren, sondern auch zu kontrollieren. Hilfsorganisationen müssen nachweisen, wieviel Geld sie woher haben, wie hoch ihre Durchführungskosten sind und vor allem, ob sie das, wovon sie reden, auch tatsächlich können. Ihnen sind alle Aufgaben zu übertragen, die sie aufgrund ihrer Erfahrungen, ihrer Mittel und ihrer Ressourcen besser durchführen können als staatliche Einrichtungen.

4. Da die private Hilfe auch in Zukunft eine wichtige Funktion bei der Beseitigung von Krisenherden haben wird, sollte z. B. die EU ihre Mitglieder verpflichten, für das Spendenwesen in ihren Ländern einheitliche gesetzliche Richtlinien zu schaffen, um die Spender entsprechend zu motivieren. Ohne die vielen Millionen Menschen, die bereit sind, ihr oft hart verdientes Geld zur Verfügung zu stellen, wird eine neue Friedensordnung nicht zu finanzieren sein. Eine Kombination aus öffentlichen Unterstützungen für die Durchführungskosten der Hilfsorganisationen und die Festschreibung von Steuerbegünstigungen für Spender, wie sie in einigen Ländern schon bestehen, wäre hier dringend anzustreben.

In den vergangenen Jahren haben sich einige Organisationen der UNO, aber auch der EU, im ehemaligen Jugoslawien sehr bemüht, den Frieden nicht nur mit Waffen abzusichern, sondern auch materielle und psychologische Hilfsprogramme zu erstellen und umzusetzen. Einiges hatte durchaus Erfolg, vieles aber kann man nur als gut gemeint und rührend qualifizieren. Für die Kosovaren ist es wichtig, endlich einen Job zu bekommen, Material für den Wiederaufbau der zerstörten Häuser und der Fabriken zu erhalten, zu wissen, wo es am nächsten Morgen Nahrungsmittel für die Kinder und sich selbst gibt. Der Streit um den Zeitpunkt freier Wahlen, so wichtig sie sind, bewirkt verständnisloses Kopfschütteln und ist nicht geeignet, Vertrauen zwischen der Bevölkerung und den Helfern aufzubauen.

In den Krisengebieten der Welt braucht man psychologisch und charakterlich geschultes Personal. Menschen, die in der Lage sind, eine Schaufel zur Hand zu nehmen, die den materiellen und kulturellen Background eines Landes kennen, die sich in die Situation der anderen hineindenken und hineinfühlen können, die Krisenbewältigung als etwas Gemeinsames sehen und die jene, die am Boden liegen, dazu motivieren können, ihr Schicksal wieder selbst in die Hände zu nehmen. Diese Aufgabe kann und darf nicht allein dem Roten Kreuz, dem Roten Halbmond, der Caritas, der Diakonie oder einer der vielen anderen Hilfsorganisationen, deren Einsatz und Engagement unbestritten ist, aufgebürdet werden.

Die großen und erfolgreichen Hilfsorganisationen wissen längst, wie wichtig eine sinnvolle Koordination ihrer Einsätze ist, um sowohl Kosten als auch Personal zu sparen. Denn: Die Spenderinnen und Spender in jenen Staaten, denen es besser geht, wollen ganz genau wissen, was mit ihrem Geld tatsächlich geschieht und wie zweckmäßig damit umgegangen wird.

Die Bewältigung einer Krise muß in vier großen Phasen erfolgen:

- Erste Hilfe: Ein Notprogramm, das die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Kleidern, Medikamenten und Hygieneartikeln sicherstellt.

- Wiederaufbau: Die Beseitigung von Schäden an Häusern und Wohnungen, die Reparatur der Infrastruktur sowie die Wiederherstellung funktionierender Betriebe der Wirtschaft und der Landwirtschaft.

- Zivile Strukturen: Die Einrichtungen der Verwaltung auf allen Ebenen der Justiz, der Exekutive, des Schulwesens, des Zahlungsverkehrs, der Medien etc. müssen vordringlich funktionsfähig gemacht werden.

- Internationale Wirtschaftshilfe: Maßnahmen die dazu beitragen, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, Arbeitsplätze zu schaffen, Bildung und Ausbildung sicherzustellen sowie die Unterstützung von Einrichtungen, die für einen konfliktfreien Ablauf des täglichen Lebens sorgen.

Diese vier Aufgaben können weder von den Militärs noch von der Bürokratie, noch von den privaten und zivilen Hilfsorganisationen allein bewältigt werden. Erst das Zusammenwirken aller macht den Erfolg wahrscheinlich. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es in den nächsten Jahren einer breiten Bewußtseinsbildung, bedarf es des manchmal schmerzlichen Zurückstellens eingeübter Egoismen im öffentlichen und im privaten Bereich sowie einer generellen, konsensualen Definition einer neuen Friedensordnung.

"Nachbar in Not" ist eine private Hilfsgemeinschaft die am Beginn der Balkankriege vom Österreichischen Rundfunk, vom Roten Kreuz und von der Caritas gegründet wurde, um den Flüchtlingen und den Vertriebenen im ehemaligen Jugoslawien zu helfen. Gemeinsam mit der Diakonie Österreich, dem Hilfswerk Austria, dem Malteser Hospitaldienst, der Volkshilfe, dem Samariterbund, den Kinderfreunden und mit CARE wurden z. B. die Einsätze im Kosovo spendenschonend koordiniert. Fast alle österreichischen Printmedien unterstützen seit mehr als acht Jahren die Aktion. Insgesamt spendeten die Österreicherinnen und Österreicher bisher 1,7 Milliarden Schilling. 5.000 Lkw brachten 100.000 Tonnen Lebensmittel, Medikamente und Hygieneartikel in die Krisengebiete. Drei große Saatgutaktionen gaben den Menschen die Möglichkeit zur Selbsthilfe. Allein im Kosovo wurden 5.000 zerstörte Häuser soweit wiederaufgebaut, daß mehr als 50.000 Menschen unter einem neuen Dach und in einem bewohnbaren Raum den vergangenen Winter verbringen konnten. Insgesamt hat "Nachbar in Not" dazu beigetragen, daß 300.000 Menschen die Kriege überlebt haben.

Papst Johannes Paul II., US-Präsident Bill Clinton, die Generalsekretäre der Vereinten Nationen, Boutros Boutros-Ghali und Kofi Annan sowie die Generalsekretärin des Europarates, Catherine Lalumiere, dankten dem österreichischen Volk für seine beispielhafte Hilfsbereitschaft.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Christine Kaiser
Tel.: (01) 87878-12422

ORF - "Licht ins Dunkel"

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | GOA/GOA