"Die Presse"-Kommentar: "Einträgliches Geiseldrama" (von Gerhard Bitzan)

Ausgabe vom 26./27.8.2000

WIEN (OTS). Seit Wochen geht es auf den Philippinen zu wie auf einem Basar: Da
wird verhandelt, da wird gefeilscht, da werden Bedingungen ausgehandelt und wieder verworfen. Nur geht es dabei nicht um irgendeine Sache, sondern um Menschen - um Geiseln, die von einer Terrorgruppe festgehalten werden, die behauptet, im Namen der Unterdrückten zu sprechen, aber in Wahrheit nur eine brutale, geldgierige Truppe ist.
Seit Ostersonntag befinden sich Geiseln in der Gewalt der Extremistengruppe Abu Sayyaf. Welches Martyrium diese Menschen in diesen vier Monaten im Dschungel erleiden mußten, kann man sich kaum vorstellen. Von Robinson-Romantik weit und breit keine Spur. Es lauern Krankheiten und immer die Gefahr, doch sein Leben lassen zu müssen.
Mehrere Geiseln wurden bereits freigelassen, und das um viel Geld. Über 300 Millionen Schilling sollen schon geflossen oder zumindest versprochen worden sein. Sicher, es ist nicht die erste Geiselnahme, bei der Geld gezahlt wird. Viele Firmen, die in Nigeria, Kolumbien oder sonstwo in der Welt ihren Geschäften nachgehen, wissen davon ein Lied zu singen. In den achtziger Jahren wurde für amerikanische, britische und deutsche Geiseln im Libanon viel gezahlt, oder es gab politische Zugeständnisse (Stichwort: Iran-Gate).
Aber das, was sich auf den Südphilippinen abspielt, ist besonders gefährlich, denn es kann Beispielswirkung haben. Wenn man durch die relativ leichte Entführung von Touristen Millionen scheffeln kann, warum sollte man es dann nicht tun, überlegen die Zapatisten in Mexiko, die Roten Khmer in Kambodscha oder die Basken in Spanien, um nur einige zu nennen. Außerdem kann man Jung-Rebellen Rekordlöhne zahlen. Der Zulauf zur Abu-Sayyaf-Gruppe ist derzeit immens.
Das Selbstbewußtsein der philippinischen Rebellen ist so groß, daß sie sogar der libyschen Führung einen großen Propaganda-Coup vermasselt haben. Gadhafi will aus der internationalen Isolation heraus, und er dachte, dies mit einer von ihm finanzierten und organisierten Geiselbefreiung krönen zu können. Das war vor mehr als einer Woche - um die Geiseln wurde gestern, Freitag, noch immer gefeilscht.

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