Temelin-Stopp hat Chancen

Deutschland tut jetzt, was Österreich versäumt hat
(Von Erhard Gstöttner)

Aus der Sorge ist Angst geworden. Denn in zwei Wochen wollen die tschechischen Betreiber die erste Kettenreaktion im Atomkraftwerk Temelin starten. 100 Kilometer von Linz würde damit ein Reaktor in Betrieb gesetzt, der noch nirgendwo auf der Welt erprobt worden ist. Dass die Sorge zur Angst geworden ist, ist nach Tschernobyl weder erstaunlich noch Hysterie.
Doch die Hoffnung, dass der noch nirgends erprobte Prototyp sowjetisch-amerikanischer Atomtechnik doch nicht ãangeheiztÒ wird, ist wieder gewachsen. Denn der deutsche Umweltminister Jürgen Trittin hat sich, mit Rückendeckung der deutschen Bundesregierung, gegen die Temelin-Inbetriebnahme ausgesprochen und hat dies der tschechischen Regierung auch deutlich mitgeteilt. Zumindest vor der Klärung offener Sicherheitsfragen dürfe das Werk nicht angefahren werden, so die deutsche Regierungsposition. Zugleich sind neue Berichte über Schlampereien beim Bau des Reaktors bekannt geworden. Oberösterreichs Landespolitiker, vor allem durch die Grünen angetrieben, rennen seit Jahren ehrenvoll gegen Temelin an. Neue und große Schubkraft hat der Temelin-Widerstand freilich jetzt durch Deutschlands Vorstoß bekommen. Die Resonanz auf den deutschen Vorstoß ist in Tschechien groß. Auch in der deutschen Öffentlichkeit ist Temelin zum Thema geworden.

Österreichs Bundespolitik müsste nun schleunigst ein Bündnis mit Deutschland herstellen. Doch die österreichischen Bundesregierungen taten bisher gegen Temelin nur dann etwas, wenn sie unter unausweichlichen Zugzwang gesetzt worden waren.
Doch auch dann richtete sich der offizielle Temelin-Protest meist nicht an die Zuständigen in Prag, sondern wurde vor allem genutzt, um in der Innenpolitik als Umweltschützer zu punkten. Bestenfalls wandten sich österreichische Regierungsmitglieder an tschechische Kollegen, die ohnedies gegen das Atomkraftwerk sind, wie Umweltminister Milos Kuzvart und Außenminister Jan Kavan. Die Zentralfigur der tschechischen Politik, der Premierminister, blieb jedoch ausgespart. Weder der seinerzeitige Bundeskanzler Viktor Klima noch dessen Nachfolger Wolfgang Schüssel haben sich mit dem tschechischen Premier Milos Zeman getroffen, um diesem Österreichs Temelin-Sorgen klipp und klar mitzuteilen.

Vor wenigen Tagen hat Bundeskanzler Schüssel eine konsequente Anti-Temelin-Ansage von sich gegeben ÐÊÖsterreich werde das Energiekapitel bei den EU-Beitrittsverhandlungen mit Tschechien nicht abschließen, wenn die Temelin-Sicherheitsfragen nicht geklärt sind. Das wurde zwar in Österreich verbreitet, den tatsächlichen Adressaten in Tschechien wurde diese Bedingung jedoch nicht mitgeteilt.
PS: Es gibt auch in Österreich Gruppen, denen eine Temelin-Inbetriebnahme recht wäre, da dann Billigststrom auf den europäischen Markt käme. Diese Lobbyisten kaltschnäuziger Wirtschaftlichkeit haben kein Interesse daran, dass gegen das AKW Temelin konsequent vorgegangen wird.

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