"Die Presse" Kommentar: "Putins Hölle" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 24.8.2000

Wien (OTS).Es war eine beispiellose Veranstaltung: Der Präsident muß sich, mit
aufgebrachten Russen in einen Raum gepfercht, die Leviten lesen lassen, sechs Stunden lang schwere Vorwürfe anhören, sein Verhalten in der Causa "Kursk" rechtfertigen und das Versagen seiner Militärs erklären. Eine Art Volkstribunal gegen den Kreml-Herren - wann hätte es das in Rußland je gegeben? Daß sich der Staatschef dem unterzog, nötigte sogar den zuletzt so Putin-kritischen Medien etwas wie Respekt ab.
Für jemanden wie Wladimir Putin muß das - zumindest so kolportierte - Zusammentreffen mit den Hinterbliebenen der U-Boot-Katastrophe in der Barentssee jedenfalls wie ein Gang durch die Hölle gewesen sein. Ob dem Präsidenten die Hölle, die die U-Boot-Besatzung und ihre Angehörigen durchleben mußten, nahegegangen ist, wissen wir nicht. Zu vermuten ist aber, daß Putin intensiv darüber nachdenkt, wie er die Scherben kitten kann, in die das Bild der Armee und sein eigenes zerbrochen sind - sowohl im internationalen wie im nationalen Ansehen; und zu befürchten ist, daß er noch intensiver darüber nachdenkt, wie er künftig ein mediales Scherbengericht verhindern kann, wie es in den vergangenen zehn Tagen über ihn und die ganze russische Führung hereingebrochen ist.
Denn beispiellos war ja nicht nur die gespenstische Begegnung mit den Angehörigen in Wedjajewo, dem Heimathafen der "Kursk", sondern vor allem die Berichterstattung der russischen Medien während der traurigen Rettungsbemühungen der russischen Marine und des jämmerlichen Krisenmanagements ihres obersten Befehlshabers. Die Fehler und Versäumnisse - von der staatlichen Desinformationskampagne über den zu späten Hilferuf an den Westen bis zum allzu lang abgetauchten Wladimir Putin - wurden in der Öffentlichkeit in einer Direktheit und Härte aufgespießt, wie sie selbst in einer westlichen Demokratie für Aufsehen sorgen würde. "Wir haben so an Sie geglaubt, Genosse Putin", schrieb etwa die "Moskowskij Komsomolez", "schämen Sie sich nicht, Genosse Oberkommandierender?"
Das alles prasselte auf einen Präsidenten ein, der aus den Strukturen des sowjetischen Geheimdienstes stammt, dem Machtdurchsetzung und kalte Distanz von Berufs wegen antrainiert sind, dessen Physiognomie Machtdurchsetzung und Distanz in allen Zügen verrät und der seit mehr als einem Jahr, zunächst als Premier, dann als Präsident, mit diesen beiden Werkzeugen regiert.
Wie rücksichtslos Putin bei der Absicherung seiner Macht vorgeht -von Tschetschenien bis zur Stärkung der Zentralmacht gegenüber den Regionen - ist bekannt. Und daß er die unabhängigen Medien im Visier hat, weiß man nicht erst seit der vorübergehenden Verhaftung des Chefs des unabhängigen und Putin-kritischen Fernsehsenders NTW, Wladimir Gussinskij. Zwar bekundet der russische Präsident bei mancher Gelegenheit, wie sehr er die Freiheit der Medien respektiere, und die Gerüchte, die Übernahme der unabhängigen und halbstaatlichen Programme durch den Staat stehe bevor, werden regelmäßig dementiert. Aber der jüngste Aufschrei russischer Intellektueller, Künstler und Unternehmer, die vor der Gefahr eines autoritären Regimes warnen und die "wichtigsten Errungenschaften der letzten zehn Jahre - Pressefreiheit, das freie Unternehmertum, das freie Denken und den Geist der Unabhängigkeit" bedroht sehen, kommt nicht von ungefähr.
Es ist zu fürchten, daß der Grund zur Sorge nach dem "Kursk"-Drama massiv wachsen wird. Denn Putin, dessen bis vor kurzem ungebrochen hohe Popularität (70 Prozent Zustimmung) binnen Tagen gegen null sank, weiß nicht erst, aber besonders seit Wedjajewo, daß sich Politik seines Stils und Freiheit nicht miteinander vertragen.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

Die Presse

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/PPR