"Die Presse" Kommentar: "Putins Desaster" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 21.8.2000

Wien (OTS).Zugegeben: Unglücke passieren. Und ebenfalls zugegeben ist, daß
Politik, Öffentlichkeit und Medien nach besonders eindrücklichen Katastrophen oft allzuschnell mit Erklärungen und Vorwürfen zur Stelle sind.
Gleichwohl: Im Falle des russischen Atom-U-Bootes "Kursk", das auf dem Grund der Barentssee zum Massengrab wurde, sind es zu viele Ungereimtheiten, als daß man der russischen Führung eine ganze Palette kritischer Fragen samt decouvrierender Antworten ersparen könnte.
Warum war das Boot ohne im Notfall lebensrettende Akkumulatoren unterwegs? Weil die russische Armee zwar den Großmachtanspruch erhalten muß, aber nicht einmal Geld für die Verpflegung seiner Mannschaften, geschweige denn für ihr Gerät, hat.
Warum vermochten russische Hilfsmannschaften den Zerstörungsgrad des U-Bootes und die Notwendigkeit raschester Hilfe für allfällige Überlebende nicht schon unmittelbar nach dem Unglück zu entdecken, warum brauchte Moskau nach den letzten verzweifelten Klopfsignalen ("bitte um Luft") noch zwei Tage, um westliche Hilfe anzunehmen? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf: nämlich, daß der Stolz der russischen Marine Objekt einer westlicher Rettungsaktion und dabei vielleicht auch noch ausspioniert wird.
Warum war chaotisches Krisenmanagement von einer noch chaotischeren (Des-)Informationspolitik begleitet, die im Lancieren von Gerüchten über einen Zusammenstoß mit einem britischen U-Boot gipfelte? Und warum spielte Präsident Wladimir Putin in diesem Drama eine so jämmerliche Rolle?
Wer den Auftritt Putins gesehen hat, bei dem er schulbubenhaft zu erklären versuchte, warum er sich so lange (urlaubend, konferierend) vom Unglück ferngehalten hat, der wird folgern: Dieser Präsident besitzt die Kaltschnäuzigkeit, Krieg zu führen, Medien zu knebeln, sich wie in Sowjetzeiten zu präsentieren; über Größe und Fähigkeit zum Krisenmanagement verfügt er nicht.
Dabei ist Krisenmanagement auch abseits der U-Boot-Katastrophe das, was Rußland am meisten bräuchte. Das macht die Enttäuschung über Putin vor allem in Rußland über den Anlaß hinaus noch größer.

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