"Die Presse" Kommentar: Redimensionierung eines Phänomens (von Detlef Harbich)

Ausgabe vom 18.8.2000

Wien (OTS). Manchmal scheint es für einen Politiker gar nicht schlecht zu sein, für eine Weile der Bühne fernzubleiben. Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer kommt jedenfalls aus einem ausgiebigen Urlaub, den sie auch für die drei Weisen nicht unterbrochen hat, und sie darf sich über diverse Umfragen freuen, die ihr bescheinigen, ihren einstigen Herrn und Meister Jörg Haider bereits in der Publikumsgunst überholt zu haben. Und das ohne aufdringliche Profilierungshektik und ohne je auch nur den leisen Verdacht mangelnder Loyalität gegenüber dem alten Chef aufkommen zu lassen.
Nun darf man solche sommerlichen Umfragen gewiß nicht überbewerten. Vor allem ist vor jedem voreiligen Wunschdenken nach dem Motto "Gott sei Dank, den sind wir los" zu warnen. Aber es scheint doch ein zusätzlicher Hinweis zu sein, daß sogar die FP-Mitglieder selbst sich allmählich eine Zukunft und Existenz der Partei ohne Haider vorzustellen beginnen.
Und das würde auch einiges in den letzten Tagen und Wochen erklären. Etwa die - postwendend dementierten - Spekulationen, daß das einfache Parteimitglied vehement in die Bundesregierung dränge. War das wirklich nur medialer Sommerdunst, Rauch ohne Feuer?
Zum Bild gehört auch, daß Haidersche Eskapaden zumindest in den heimischen Medien allmählich jenen geringen Stellenwert bekommen, der ihrem sachlichen Gehalt zukommt. Die Tonart wandelt sich von Aufgeregtheit über jeden Sager zu gelangweilter Abschätzigkeit. Auch daß die drei Weisen so gar keine Lust auf persönlichen Kontakt hatten, muß Haider tief getroffen haben. All das zeigt, daß die Redimensionierung des Phänomens Haider bereits im Gang ist.
Ob das der Koalition das Regieren leichter machen wird, ist hingegen eher offen. Querschüsse verschiedenster Art aus Kärnten werden wohl nicht ausbleiben. Sicher ist aber, daß die möglicherweise von Freund Gadhafi abgeschaute Strategie, sich ohne offizielle Funktionen in ein Wüstenzelt zurückzuziehen und von dort aus nur durch persönlichen Einfluß die Dinge zu steuern, im demokratischen Europa doch nicht ohne weiters funktioniert.

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