"Die Presse" Kommentar: "Rußland am Meeresgrund" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 17.8.2000

WIEN (OTS). Klopfzeichen waren die einzige Kommunikation zur Außenwelt; die
Luft wurde von Stunde zu Stunde knapper; die Angst war umhüllt von Dunkelheit _ und geschürt durch das Wissen, daß die da oben, die Retter, von denen Tod oder Leben 100 Meter unter dem Meeresspiegel abhängt, genauso schlecht ausgerüstet und finanziell ausgeblutet sind wie die gesamten russischen Streitkräfte. Was die Seeleute an Bord der gesunkenen "Kursk", dem Schmuckstück der russischen U-Boot-Flotte, seit dem Wochenende durchmachten, ist sohin die russische Form der Todesangst: kaum noch steigerbar.
Das Drama in der eiskalten Barentssee hat davon abgesehen aber vor allem eine technische und eine politische Komponente. Die technische ist, daß selbst Aushängeschilder des technisch Machbaren mitunter an Grenzen stoßen, die zwar auf keinem Reißbrett vorhersehbar sind, die aber durch äußere Einflüsse plötzlich zur Mauer werden, an der der Fortschritt scheinbar zerschellt.
Das war bei der Concorde in Paris so, die nicht wegen Altersschwäche oder schlechter Wartung verbrannt ist, sondern wegen eines Metallteiles auf der Startbahn, der eine Kettenreaktion ausgelöst hat. Und schon steht, auch aus vielen anderen Gründen, das Überschall-Zeitalter in Frage. Technisches Versagen nährt das Verlangen der Öffentlichkeit nach banalen Zusammenhängen und banalen Konsequenzen.
Das könnte sich bei der "Kursk" unter anderen Vorzeichen ähnlich entwickeln, womit wir bei der politischen Komponente sind: Was immer die Explosion in dem Atom-U-Boot ausgelöst hat, schon geht es um die Frage, ob die Entscheidung des russischen Präsidenten, alles nuklearstrategische Gewicht auf Luftwaffe und Marine, und da auf die U-Boote, zu legen, richtig war, oder ob nicht eine Rückbesinnung auf die landgestützte Heereskraft mehr Sinn macht.
Wladimir Putin trifft das Unglück jedenfalls zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Noch heuer hätte die "Kursk" das demonstrative Flagge-Zeigen einer erstarkten russischen Marine im Mittelmeer begleiten sollen - jetzt liegt die Zukunft der russischen Nuklear-Streitmacht auf dem Meeresgrund. Gesunken just bei einem der größten Marine-Manöver der vergangenen Jahre, das mit ballistischen Raketen-Übungen den simulierten Feind Nato zum Ziel hatte. Was Wunder, daß sich die politische und militärische Führung so lange (vielleicht die entscheidenden Tage zu lange) zierte, die im Rahmen der immer engeren Kooperation mit der Nato vorgesehene und angebotene Hilfe in Erwägung zu ziehen?
Wir können es selbst, war das Signal aus Moskau. Und in sein modernstes Kriegsgerät läßt man die Konkurrenz auch nicht gerne hineinschauen. Die könnte dann nämlich nicht nur erkunden, warum es der "Kursk" bisher so oft gelang, dem Nato-Radar ein Schnippchen zu schlagen; sondern auch Bestätigung für den Verdacht finden, daß das Gerät zwar auf russisch letztem Stand ist, daß das aber aufgrund der finanziellen Not und der auch daraus resultierenden mangelnden Praxis ein tödlicher Stand ist.
Seit dem Zerfall der Sowjetunion ist jedenfalls auch die Armee unter der wirtschaftlichen Misere langsam zerbröselt. Eine Armeereform zählt daher zu Putins Herzensanliegen - Rußlands internationales Gewicht wiederherzustellen und die Unterstützung der Generäle zu erhalten ist für ihn unabdingbar. Das Desaster in der Barentssee wird den Streit innerhalb der Armee und um seine einzelnen Teile weiter verschärfen; vielleicht wird es auch Anlaß sein, wieder mehr Geld in die Streitkräfte zu stecken (aber woher?) oder sie im Sinne der Effizienz umzustrukturieren (Putins Unterstützung der Marine war ein Schritt dahin). Den Männern am Meeresgrund hilft das wohl nicht mehr.

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