"KURIER" Kommentar: Zuwanderung statt Gebärprämien (von Norbert Stanzel)

Ausgabe vom 17.08.2000

Wien (OTS) - Die Problematik ist so alt wie bekannt: Die Österreicherinnen bekommen zu wenig Kinder, um die Bevölkerungszahl auf dem jetzigen Niveau zu halten. Das wäre aber nötig, um gesellschaftliche Infrastrukturen (Gesundheits-, Pensionssystem, etc.) aufrechtzuerhalten. Das Problem in Zahlen ausgedrückt: Die Eurostat-Statistiker errechnen für Österreich 1,3 als "Fruchtbarkeitsziffer" - die durchschnittliche Anzahl Kinder je "Frau im gebärfähigen Alter". Um die Bevölkerungszahl zu halten, wäre aber 2,1 nötig - also rund um die Hälfte mehr Geburten als derzeit. Das Phänomen zu niedriger Geburtenraten ist grundsätzlich ein EU-weites, wobei Österreich klar unter dem EU-Schnitt liegt. Die ÖVP, aber auch die FPÖ, predigen daher seit Jahr und Tag eine Forcierung der Familienpolitik, worunter sie vor allem höhere finanzielle Zuwendungen verstehen. Genau dieser Zusammenhang (mehr Geld = mehr Kinder) lässt sich aber im internationalen Vergleich (siehe Seite 3) nicht erhärten. Irland hat die höchste Geburtenrate, aber die drittniedrigste Familienförderung. Ist die grüne Insel deshalb ein Vorbild? Ohne den Iren nahe treten zu wollen: vermutlich nicht. Denn der relative Kinderreichtum hat wohl eher etwas mit der traditionell katholischen Prägung (samt Verbot und Verfolgung der Abtreibung) zu tun. Aber eine konservativ-katholische Zwangsmissionierung zur Hebung der Geburtenrate kann wohl nicht einmal die schwarzblaue Koalition wollen (und würde auch nicht klappen). Interessant ist auch, dass die Geburtenrate in Italien extrem niedrig ist - obwohl die Akzeptanz lärmender "Bambini" wesentlich größer ist als hier zu Lande, wo Familien mit Kindern immer noch als Störfaktor gelten, wenn sie außerhalb geschützter Reservate wie Spielplätze oder Babyhotels auftreten. Wenn aber weder eine finanziell hochdotierte Familienpolitik noch ein grundsätzlich kinderfreundliches gesellschaftliches Klima einen Anstieg der Geburtenrate bewirken, was dann? Zunächst: Den Wunsch nach Kindern kann man nicht verordnen, schon gar nicht die Politik. Die Politik kann höchstens eines tun: Rahmenbedingungen schaffen, damit Paare, die Kinder wollen, sich dies auch trauen. Dazu gehören etwa Kinderbetreuungseinrichtungen, aber auch leistbare und ausreichend große Wohnungen. Letztlich sollte aber die Politik ihren Bürgern die Entscheidung, ob sie Kinder in die Welt setzen wollen, selbst überlassen. Zudem gibt es, im Sinne der "Aufrechterhaltung des Systems" eine Alternative zum Kinderkriegen: die Zuwanderung. Die Bevölkerungszahl der EU stieg 1999 um eine Million auf 376 Millionen - zu einem Viertel durch "Eigennachwuchs", zu drei Vierteln durch Einwanderung. Eine vernünftige Änderung der Zuwanderungspolitik wäre also wichtiger als der Ausbau der Familienförderung, für den ohnehin das Geld fehlt.

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