"KURIER" Kommentar: Haider muss (man) sich stellen (von Norbert Stanzel)

Ausgabe vom 15.08.2000

Wien (OTS) - Schade. Jörg Haider sagt, dass er doch nicht als Vizekanzler nach Wien gehen will. Abgesehen davon, dass die Halbwertszeit solcher Beteuerungen gering ist: Ein Wechsel Haiders in die Bundesregierung wäre durchaus logisch und vernünftig. Und zwar aus mehreren Gründen: Sollten der Weisenbericht und die Schlussfolgerungen der EU-14 ausfallen, wie erwartet - keine Weißwaschung, aber auch keine Ächtung der FPÖ, somit eine Aufhebung der Sanktionen -, würde auch ein Motiv für die bundespolitische Scheinabstinenz des "einfachen Parteimitglieds" wegfallen. Nämlich als Person eine Belastung für die internationale Akzeptanz der Koalition zu sein. Aus freiheitlicher Sicht wäre es folgerichtig, dass sich jener Mann, der die Partei von Wahlerfolg zu Wahlerfolg geführt hat und der auch jetzt noch alle Fäden in der Hand hält, sich tatsächlich wieder an die Spitze setzt. Nüchtern betrachtet wäre ein Wechsel Haiders nach Wien auch für den Koalitionspartner, letztlich sogar für die Opposition von Vorteil. Denn abgesehen von einigen Dilettanten und Halbprofis in der Regierung - Sickl, Böhmdorfer, Schmid, Rossmann - sind es vor allem die Ezzes aus dem Bärental, die zuweilen den Koalitionsmotor zum Stottern bringen. Sitzt der Ezzesgeber selbst in der Regierung, kann er sich seine guten Tipps unters eigene Nachtkästchen legen und braucht sie nicht mehr via Medien aufgeregt mitzuteilen. Es wäre es auch interessant, ob Haider noch als Vizekanzler halb Europa - von Chirac über Dini bis Busek -im Stil eines Provinzpolitikers anpöbelt, oder ob er nicht lieber, wie es etwa sein Finanzminister Grasser vorexerziert, von zivilisierten Politikern als ihresgleichen anerkannt werden will. Auch die Oppositionsparteien könnten davon profitieren, dass sie sich nun offen an jenem Gottseibeiuns reiben können, den sie ohnehin als Ghostwriter der Koalition wähnen. Und schließlich wäre ein Comeback Haiders, wenn schon nicht in die Regierung, so doch als Spitzenkandidat für die nächste Wahl, ein demokratiepolitischer Hygiene-Akt. Solange Haider im Kärntner Schmollwinkel sitzt, liefert er massenweise Material für Legendenbildungen: Seinen Anhängern das Argument "Ja, mit dem Jörg hätten wir die Wahl gewonnen, wenn nicht das Ausland so bös' gewesen wäre" - was ein weiteres Mosaiksteinchen im Zerrbild des Österreichers über "das Ausland" wäre. Aber auch seine Gegner wären gezwungen, sich mit der realen Politik Haiders statt mit seinen Biertischreden auseinander zu setzen. Es wäre sehr spannend, wie der Regierungspolitiker Haider die Quadratur seiner verbalen Kreise zu schaffen versucht: Etwa eine Budgetsanierung, ohne dem "kleinen Mann" etwas wegzunehmen. Die Lähmung der Politik aus Angst vor dem "Phänomen Haider" kann nur dann überwunden werden, wenn man sich diesem Phänomen stellt - und wenn sich Haider selbst stellt.

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