"Die Presse"-Kommentar: "Späte Ehrung" von Hans Werner Scheidl

Ausgabe vom 11.8.2000

WIEN (OTS).Warum erst jetzt, mag man angesichts der Zuerkennung des höchsten
US-Ordens für Zivilisten an den heute 91jährigen Österreicher Simon Wiesenthal fragen. Vor ein paar Jahren hätte der Greis noch selbst den Preis in Washington in Empfang nehmen können. Doch die Ehre bleibt.
Warum erst jetzt? Diese Frage sollten wir Österreicher wohl am allerwenigsten stellen. Seit der 1908 in Buczacz (Galizien) Geborene und zwölf Konzentrationslager Überlebende Österreich zum Sitz seines Dokumentationszentrums erkor, war der "Ingenieur Wiesenthal" den Österreichern suspekt. Der Altösterreicher, der in den KZs 89 Familienangehörige verloren hatte, war nicht bereit, über das grausame Geschehen einen Schlußstrich zu ziehen. Nein, er widmete sein weiteres Leben seit der Befreiung der Ausforschung von NS-Verbrechern. Und mehr als 1100 von ihnen hat er ausfindig gemacht. Nicht alle wurden der gerechten irdischen Strafe zugeführt, aber schon allein die Unnachgiebigkeit, mit der Wiesenthal seiner Rache an den Peinigern nachging, schuf ihm in Österreich wenig Freunde. Im Gegenteil. Das Österreich der Nachkriegszeit war nicht bereit, sich Wiesenthals bohrender Forderung nach Gerechtigkeit zu stellen. Daher jubelten nicht wenige im Lande, als 1975 der jüdische Bundeskanzler in infamer Art und Weise den "Nazi-Jäger" der Mafia-Methoden bezichtigte. Dieser Hieb saß tief. Er dürfte den Glauben Wiesenthals an die Österreicher erschüttert haben. Denn Bruno Kreisky hatte eine absolute Mehrheit seiner Landsleute hinter sich. Und nur ganz wenige stellten sich dem blindwütigen Rundumschlag des Regierungschefs entgegen.
Ja, die erfolgreiche Jagd nach dem Österreicher Adolf Eichmann, das Kidnapping des tausendfachen Schreibtischmörders, der beklemmende Prozeß in Tel Aviv und schließlich Eichmanns Ende am Galgen - das rechnete man Wiesenthal wohl an. Doch die Distanz blieb bis zur späten Ehrung durch die Stadt Wien. Seit 1995 ist er Ehrenbürger von Wien, sein Ehrengrab wird weitab von jenem des Agnostikers Kreisky liegen. Gerechtigkeit hat Wiesenthal von uns allen eingefordert. Es hat lang gedauert - mehr als eine Generation - bis wir begriffen haben.

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