"profil": Mortier: "Jetzt wieder Konfliktphase"

In seinem ersten großen Interview nach der Regierungsangelobung kritisiert der Salzburger Festspiel-Intendant Sparbestrebungen der Regierung und politische Situation in Österreich - "Fühle mich nicht mehr in einem demokratischen Staat" -Intendanz in Berlin wäre "überlegenswert"

Wien (OTS) - Nach monatelangem Schweigen gab GŽrard Mortier, der Intendant der Salzburger Festspiele, in der Samstag erscheinenden Ausgabe des Nachrichtenmagazins "profil" sein erstes großes Interview nach der Angelobung der schwarz-blauen Regierung. Nachdem die Premieren über die Bühne seien, könne er "jetzt wieder in die Konfliktphase eintreten". Seine Zurückhaltung in den letzten Monaten begründet Mortier mit dem Verweis auf seinen Wiener Kollegen Luc Bondy, der während der Festwochen wegen des gereizten politischen Klimas "in die Defensive gezwungen worden" sei.

Der Salzburger Intendant beklagt im "profil"-Interview eine gesellschaftliche "Grundaggressivität", die von der FPÖ geschürt werde. Mortier: "Dass ich jetzt jeden meiner Artikel und Briefe von einem Rechtsanwalt prüfen lassen muss, ist ungeheuerlich. Ich fühle mich nicht mehr in einem demokratischen Staat." Den Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider kennt GŽrard Mortier nicht persönlich, und er würde es "auch vermeiden. Es gibt bestimmte Leute, die ich nicht kennenlernen will."

Als einziges Direktoriumsmitglied der Salzburger Festspiele wurde Mortier von Kunststaatssekretär Franz Morak nicht zu einem ersten Besuch eingeladen, was der Intendant durchaus als "Affront" wertet. Mortier kritisiert, dass bei den Salzburger Festspielen gespart werde, "bei einer Institution, die zu den lukrativsten in Österreich zählt." Für "Kitsch-Kühe" in der Salzburger Innenstadt sei dagegen Geld vorhanden. Generell beklagt Mortier, dass die "einzige Vision von Kulturpolitik, die es in Österreich noch gibt, das Sparen ist".

Auf die Frage nach dem Einfluss der Politik auf die Festspiele antwortet Mortier: "Die Politisierung des Direktoriums begann mit der Ernennung von Frau Rabl-Stadler zur Präsidentin. Ich sage nicht, dass das ein Fehler ist, ich sage nur, dass das zu einer Politisierung des Direktoriums geführt hat, und das ist eine schlechte Entwicklung. Mich stört, dass Frau Rabl-Stadler eine unglaublich starke politische Lobby hinter sich hat und es für mich dadurch sehr schwierig ist, eine Entscheidung durchzusetzen."

Im "profil"-Interview spricht GŽrard Mortier auch erstmals konkret über seine Zukunftspläne. "Meine Entscheidung ist jetzt gefallen", so der Festspiel-Intendant. "Ich nehme ein einjähriges Sabbatical. Ich wurde vom Wissenschaftskolleg in Berlin eingeladen, dort ein Jahr als Stipendiat zu leben. Das ist ein Gottesgeschenk." Außerdem interessiere es ihn, "an einer Arbeitsgruppe mitzuwirken", die über die Zukunft der Berliner Opernhäuser nachdenken und "ein Papier für die Berliner Politiker entwickeln" könnte. Eine Intendanz in Berlin wäre "überlegenswert", doch würde dies "im Moment" daran scheitern, "dass zu viele gültige Verträge vorliegen."

"Ein bisschen Sehnsucht werde ich wohl haben", so Mortier zu seinem Abgang aus Salzburg im Jahr 2001. Trotzdem sei er überzeugt, "dass es nach zehn Jahren gut ist wegzugehen."
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