"Die Presse" Leitartikel: "Jubiläums-Bombe für Putin" (von Irene Miller)

Ausgabe vom 10.8.2000

Wien (OTS). Vor genau einem Jahr trat Wladimir Putin an, um Rußland zu retten, damals als Premier, inzwischen wurde er Präsident. Zu retten war viel: Die Wirtschaft lag darnieder (sie tut es immer noch), das internationale Ansehen der einstigen Weltmacht war zerrüttet - der Nato-Krieg gegen Rußlands Schützling Jugoslawien hatte das kurz vorher überdeutlich gemacht -, das organisierte Verbrechen überspielte mühelos die schlecht organisierten und schlecht motivierten Ordnungskräfte, die Korruption hatte die allerhöchsten Kreise erfaßt.
Nicht zuletzt aber verkündete Putin damals lauthals, er wolle die Russische Föderation erhalten und sichern. Zentrifugale Kräfte, so der ehemalige Geheimdienstler mit Sinn für die Macht, werde er eliminieren.
Die stärkste zentrifugale Kraft waren damals wie heute die Tschetschenen. Sie sind Moslems, haben einen lebhaften Sinn für ihre eigene, von Eroberung, Deportation und blutiger Unterdrückung geprägte Geschichte und Identität, sie haben nach dem Zerfall der Sowjetunion ihre Unabhängigkeit von Moskau verkündet. Und sie haben zu den Waffen gegriffen, um gegen die Russen zu kämpfen. Ein erster Tschetschenien-Krieg ging unentschieden aus, und die Tschetschenen wollten sich nicht geschlagen geben.
Seither führten die Russen einen zweiten - auch er ging unentschieden aus. Rechtfertigung für Krieg, Zerstörung und Gewalt, die sich vielfach gegen tschetschenische Zivilisten richtet, sind die tschetschenischen Moslem-Rebellen, deren Guerillataktik die russische Armee schwere Opfer gekostet hat.
Vor allem aber ist es der Terrorismus in Rußlands Städten und gegen Rußlands Zivilisten, der die Armee aus Putins Sicht nicht nur berechtigt, sondern geradezu zwingt, das tschetschenische Volk zu unterjochen. In Rußland zweifelte vor einem Jahr niemand daran, daß Bombenanschläge, denen über 300 Menschen zum Opfer gefallen waren, auf das Konto tschetschenischer Terroristen gingen. Bewiesen wurde das nie. Und auch heute zweifelt kaum jemand daran, daß die Bombe in der Moskauer U-Bahn, der Dienstag abend mindestens acht Menschen zum Opfer gefallen sind, von Tschetschenen gelegt worden ist - sie wollten, glauben die Russen, offenbar den Jahrestag von Putins Machtantritt mit Blut und Leid zelebrieren.
Niemand weiß, wer die Täter sind, niemand weiß, wer die Täter der Anschläge vor einem Jahr waren, und all der Anschläge, die seither fast allmonatlich russische Städte erschütterten.
Doch wer immer die Bomben gelegt hat - Schuld tragen alle Seiten. Der russische Nationalismus, der in der Bevölkerung nicht einmal einen Zweifel daran aufkommen läßt, daß der Herrschaftsanspruch Moskaus im Kaukasus rechtens ist, ist nicht weniger mörderisch als der kaukasische Nationalismus, der - wenn die Annahme der Russen stimmt - zu Bombenanschlägen gegen harmlose Zivilisten motiviert. Die Ausländerfeindlichkeit, die den im Vergleich zu Russen dunkelhäutigen Kaukasiern im Vorjahr in den Straßen und Wohnhäusern der russischen Städte entgegenschlug und auch jetzt wieder entgegenschlägt, fördert Angst und Haß auf beiden Seiten.
Putin war nun ein Jahr an der Macht, aber er hat das Leben für die Russen weder besser noch sicherer gemacht. Immerhin ist er selbst vorsichtiger geworden: Er forderte seine Landsleute am Mittwoch auf, sich vorschneller Schuldzuweisungen zu enthalten, für eine tschetschenische Täterschaft gebe es keine Anhaltspunkte, durchaus denkbar sei auch ein Mafia-Hintergrund.
Wie auch immer: Eines kann man dem russischen Staatschef mit Sicherheit zum Vorwurf machen - daß er Haß, Angst und Verbrechen nicht in den Griff bekommen hat.

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