"KURIER" Kommentar: Ärzte und Kassen: Zwei Gehörlose? (von Dr. Christoph Kotanko)

Ausgabe vom 10.08.2000

Wien (OTS) - Die derzeitige Polemik um die Ambulanzgebühren erinnert an einen Dialog unter Gehörlosen: Argumente werden nur punktuell vorgebracht, die Gegeneinwände unterschlagen. Dafür wird herumgefuchtelt und an Gefühle appelliert. Also so wie immer. Rekapitulieren wir: Für Ambulanzbesuche soll künftig ein Betrag bis zu 250 Schilling entrichtet werden. Was sich bei Mehrfachbehandlungen summieren kann, aber nur bis zu einer Höchstgrenze von 1000 Schilling pro Jahr. Ist das bereits eine "soziale Demontage"? Kurios mutet vor allem die Klage der Krankenkassen an, damit würden Patienten zu den niedergelassenen Ärzten - außerhalb der Spitalsmauern - "abdriften". Wäre das schlecht? Weitet man die Betrachtung ,so zeigt sich, dass Ambulanzpatienten im Durchschnitt 2212 Schilling kosten, die Behandlung beim Kassenfacharzt nur 642 und beim Allgemeinmediziner 493 Schilling. Somit wäre die Schlussfolgerung klar: Bitte driften wir doch endlich! Zumal wenn viele Ambulanzen ohnedies überfüllt sind . . . Aber dagegen wehren sich die Kassen aus einem simplen Grund: Ihre Zahlungen an die Spitäler und somit auch an die Ambulanzen sind pauschaliert, was bei den Ärztehonoraren nicht der Fall ist. Weshalb ein Kassen/Ärzte-Klassenkampf stattfindet, samt entsprechenden Apparatinteressen. Allerdings stellen sich umgekehrt auch kritische Fragen an die Ärzteschaft. Wie schaut es denn aus, wenn jemand driften möchte? Er stößt ebenfalls auf überfüllte Vorzimmer, besonders bei manchen Fachärzten am Land auf endlose, oft monatelange Wartezeiten. Service am Kunden scheint bisweilen unbekannt - unmögliche Öffnungszeiten, schlechte bis gar keine Versorgung an Wochenenden und Feiertagen, ungeregelte Vertretung. Es wird einfach zugesperrt (Beispiele liegen reichlich vor).Wohin soll man sich dann wenden? Richtig, ans Ambulatorium mit hochklassigem Fachbetrieb, wohin auch viele Praktiker gerne überweisen. Zwar gibt es inzwischen auch Gruppenpraxen, doch zu wenige. Das liegt vor allem an den Kassen, aber auch an den Ärzten. Viele lehnen derartige Kooperationen ab und immer wieder merkt man, dass bei manchen Doktoren einfach das Verständnis für moderne betriebswirtschaftliche Organisationsformen fehlt. Inzwischen droht beiden Bereichen das Überrolltwerden durch ganz neue Entwicklungen: Schon verbreitet sich im westlichen Ausland die Telemedizin. Ärzte werden per eMail rund um die Uhr um Rat gefragt, rezeptfreie Medikamente online verkauft und Ambulanzen vermittelt. Zwischen Risikopatienten und Gesundheitszentren werden "state of the art"-Überwachungsdienste aufgebaut. Vor allem private Versicherer drängen in dieses Zukunftsgeschäft, doch auch der National Health Service Englands betreibt es längst. In Österreich wird indes die Steinzeitdebatte weiter geführt. Na denn - Gesundheit!

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