Reich-Ranicki wehrt sich im Interview vor dem Literarischen Quartett in Salzburg: über Machos, bösartige Kritik und verschüchterte Frauen

Wien (OTS) - - Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki setzt sich vor der ersten Löffler-losen Ausgabe des "Literarischen Quartetts" (18. August. Salzburg) gegen die Angrifffe des deutschen Feuilletons zur Wehr. Vorausmeldung zu NEWS 32/00 vom 10. August 2000 =

Reich-Ranicki über Probleme beim "Quartett": "
Schwierigkeiten gibt es nur, wenn wir einen Gast haben, den man animieren und mit Worten oder Gesten überreden muss, dass er überhaupt etwas sagt. Es ist gar nicht so lange her, dass ich einer (übrigens ehrenwerten) Kollegin vor laufender Kamera gesagt habe, sie möge sich, bitte, endlich zu diesem Buch äußern, ich möchte nicht übermorgen in der Zeitung lesen, wir Männer hätten sie nicht zu Wort kommen lassen. Hernach sagte sie schüchtern ein paar Worte. Am nächsten ,Quartettí aber nehmen zwei tüchtige Damen teil, die mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen: Iris Radisch ist eine vorzügliche Kritikerin, mit viel Temperament. Und Elke Heidenreich ist im deutschen Fernsehen seit Jahren als eine Frau bekannt, die sich unerhört anschaulich, unmittelbar griffig äußern kann."

Auf die Frage, ob sein Wesen einschüchternd sei: "Ja, aber solche Kritiker, die sich von uns einschüchtern lassen, sollten nicht teilnehmen. Ich kann doch nicht meine Ansicht über einen Roman mitteilen und dabei verschüchtert flüstern, weil ich damit rechnen muss, dass die Dame die da sitzt, gleich Angst haben wird. (...) Auch ob der Gast im Zentrum steht oder mehr an der Peripherie, hängt nur von seiner Qualität ab. Dass er eine undankbare Rolle habe und am Rande bleibe, ist Blödsinn, falsch und gehört zu den vielen, leider wohl auch absichtlich, verbreiteten Falschmeldungen über das ,Quartettí".

Über Löffler-Nachfolgerin Iris Radisch: "Ich glaube, dass es ganz dramatische Auseinandersetzungen mit ihr geben kann. Sie hat ja schon einmal am ,Quartettí teilgenommen, es gab auch Kontroversen, und das war fabelhaft. Sie hat eigene Anschauungen und den Mut, diese zu vertreten. Deshalb haben wir sie gewählt."

Auf die Frage, ob wegen des Radisch-Verrisses für Karaseks "Das Magazin" Spannungen zu erwarten seien: " Überhaupt nicht. Wer hat den Roman nicht attackiert?"

Über seinen Ruf als Macho und seine Feinde: " Ich mag das Wort Macho nicht. Ich weiß gar nicht genau, was das heißt. Ich bin, wie ich bin. Aber ich habe die größte Anthologie über deutschsprachige Lyrik von Frauen vom Mittelalter bis heute herausgebracht. In diesem Buch sind 54 Autorinnen, und es umfasst 860 Seiten. Hat jemand außer mir je in der Geschichte der deutschen Literatur eine vergleichbare Sammlung gemacht? Was ist das für ein gehässiger Schwachsinn, mir Frauenfeindschaft vorzuwerfen? Ich möchte sehen, welcher deutsche Kritiker so viel über Frauen geschrieben hat wie ich. Ich habe unzählige Bücher, Aufsätze, Artikel und Essays über Frauen von Anna Seghers bis Ricarda Huch, von Marie Luise Kaschnitz bis Ingeborg Bachmann verfasst. Es gibt überhaupt kaum eine Frau von nennenswertem Niveau in der deutschen Literatur, über die ich nicht lobend und rühmend geschrieben hätte. Ich habe Ulla Hahn entdeckt und gehöre zu den frühesten Förderern von Sarah Kirsch. Es ist wirklich der letzte Schwachsinn, mir Frauenfeindschaft vorzuwerfen. Aber das alles hilft gar nichts gegen die Klischees. Da kann man nichts tun. Ich habe nun einmal sehr viele Feinde. Wenn es nur jene Autoren wären, über die ich ungünstig geschrieben habe - damit hätte ich mich schon abgefunden. Aber meine Feinde sind zum großen Teil Autoren, über die ich nie ein Wort verloren habe. Die lauthals verkünden, dass ich sie ignoriere."

Über jüngste kränkende Angriffe im Feuilleton und Löfflersche Provokationstechniken: "Selbstverständlich sind mir die in letzter Zeit ungeheuer boshaften und gehässigen Äußerungen gegen mich gar nicht gleichgültig. Vor allem trifft es mich, dass viele, die darüber geschrieben haben, nicht merken, wer die Diskussion unter der Gürtellinie eigentlich begonnen hat. Das sollte man vielleicht auch berücksichtigen. Aber ich will nicht verschweigen, dass ich offensichtlich provoziert werden sollte und mich leider habe provozieren lassen. Ich wäre besser beraten gewesen, wenn ich auf alles, was ich im letzten ,Quartettí zu hören bekam, geschwiegen hätte. Aber mein Temperament hat es mir nicht erlaubt."

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