"Die Presse" Kommentar: "Toleranz und Werte - a la USA" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 9.8.2000

Die amerikanischen Demokraten sind sich nicht ganz einig: Die Nominierung eines Juden zum Vizepräsidentschaftskandidaten sei ein klares Zeichen religiöser Toleranz und gebe ihnen wenigstens bei diesem Thema einen Vorsprung gegenüber den Republikanern. Sagen die einen. Die anderen fürchten, daß Al Gores Vize-Kandidat Joseph Lieberman zumindest in jenen Teilen der USA Stimmen kosten könnte, wo wenige Juden leben - nicht aus Antisemitismus, sondern weil ein jüdischer Kandidat etwas Neues, Unvertrautes sei.
Wir schreiben das Jahr 2000, wohlgemerkt, nicht 1960. Vor vierzig Jahren, da sorgte John F. Kennedy als erster katholischer Präsident der Vereinigten Staaten für eine Debatte über religiöse Toleranz. Aber heute? Im Amerika der Jahrtausendwende, dem Hort der Freiheit, moralischer Integrität und vermeintlicher Liberalität, wird die Tatsache, daß ein Kandidat Jude ist, beherrschendes Thema der politischen Diskussion?
Einer, den das nicht wundert, ist Al Gore selbst. Der hat im Gegenteil das Aufsehen, das er mit der Nominierung ausgelöst hat, als Schachzug wohl eingeplant. Denn der demokratische Präsidentschaftskandidat ist sich nur zu bewußt, daß ihm zur Zeit alle Felle davonschwimmen: Seit der Convention der Republikaner ist der Vorsprung seines Rivalen George W. Bush in den Umfragen auf 15, 17, gar 19 Prozentpunkte gestiegen - ein Ausmaß, das bei aller Logik (tagelange mediale Präsenz Bushs) politische Beobachter in den USA in dieser Höhe überrascht und Al Gore nervös macht. Mit Joseph Lieberman hat sich Gore eine Woche vor seinem großen Auftritt beim Demokraten-Parteitag wenigstens wieder ins Gespräch gebracht.
Das Kalkül, mit einem jüdischen Kandidaten in Sachen Toleranz zu punkten, mag eines der demokratischen Strategie sein. Viel wichtiger aber scheint den Strategen das genaue Gegenteil von allzu großer Toleranz zu sein, wie es von Lieberman verkörpert wird: Der Senator gilt nämlich als demokratischer Hüter der Moral. Und das haben die Demokraten nach den Clinton-Jahren, in denen man im Weißen Haus einen eher saloppen Umgang mit Moral und Wahrheit pflegte, plötzlich offenbar als Stimmen-taugliche Tugend entdeckt. Ein Vizepäsidentenkandidat, der Bill Clinton einst wegen seiner Affäre und seiner Lügen scharf attackiert hat, das ermöglicht Al Gore, sich indirekt von seinem Mentor abzunabeln, ohne auf die positive Bilanz der Clinton-Ära im Wahlkampf verzichten zu müssen.
Wirklich alles bloß Taktik, Lug und Trug, Fahne nach dem politischen Wind? Keine politischen Überzeugungen mehr? Die Überzeugungen mag es geben, aber wahlentscheidend sind sie nicht. Wahlentscheidend ist einzig - neben der Trivialität von Parteitagsreden (und in diesem Sinne war die des George Bush schon eine Siegerrede) -, wer die politische Mitte besser besetzt und wer im anderen Lager erfolgreicher fischt. Die Republikaner haben sich mit ihrem "compassionate conservatism" in der Mitte, dort, wo sich einst Bill Clinton seine Wiederwahl sicherte, häuslich niedergelassen. Die Demokraten sind dort ohnedies längst zu Hause und beackern jetzt zusätzlich das republikanische Feld der Werte. Amerika entdeckt die Moral wieder, hurra!
Joseph Lieberman jedenfalls ist dafür das ideale Instrument. Hollywood, das sich sonst jubelnd hinter jeden Demokratien schart, hält sich bei Lieberman auffallend zurück, weil dieser einst die Filmindustrie für den Verfall der Gesellschaft verantwortlich machte; ein Bush-Berater wiederum hat für Lieberman sarkastisches Lob, weil der den Bush-Ansichten näher sei als jenen Gores. Verkehrte Welt? Nein, US-Wahlkampf, in dem ein Langweiler (Gore) und ein Sohn (Bush) allein noch kein Garant für einen Wahlsieg sind.

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