Ernst Krenek wäre heuer 100 geworden - Österreich 1 gedenkt des vielfach begabten Künstler

Wien (OTS) - Ernst Krenek, Sproß einer altösterreichischen Offiziersfamilie, wäre heuer hundert geworden - der Tod nahm ihn neun Jahre davor zu sich. Krenek war ein vielbegabter Künstler, sein Schaffen umfaßt rund 250 musikalische Werke, dazu etwa 20 gewichtige literarische, nicht mitgezählt die Dramen (Libretti), Liedtexte und die gigantische Tagebuchdokumentation. Krenek war Komponist, Musiker, Dichter und Maler. Österreich 1 gedenkt des Künstlers in folgenden Sendungen: "Zeit-Ton", 14.8., 23.00 Uhr; "Radiokolleg: Der stille Gigant", 21.-24.8., 9.45 Uhr; "Von Karl
V. bis Orpheus" - Der Opernkomponist Ernst Krenek, 23.8., 19.30
Uhr; "Ö1 extra am Sonntag: Ernst Krenek: Echo eines Jahrhunderts -Der Autor, Essayist und Denker", 27.8., 21.15 Uhr.****

Ernst Krenek, Sproß einer altösterreichischen Offiziersfamilie, wäre heuer hundert geworden - der Tod nahm ihn neun Jahre davor zu sich, im kalifornischen Palm Springs, seiner zweiten Heimat, in
die er 1938 wegen des Nazi-Regimes, das seine Musik als "entartet" einstufte, emigrierte. Der in die Jahrhundertwende hineingeborene Wiener, selbst ein Mann der Wende geworden, gehört einer von gewaltigen Stilunterschieden geprägten Zwischengeneration an, ermeßbar an Namen wie Hindemith, Orff, Milhaud, Blacher, Weill, Eisler, Schostakowitsch, Messiaen. Denkbar, daß sich solche Unterschiedlichkeit zeitgemäß auch in einer Persönlichkeit manifestiert, in jener Ernst Kreneks.

"Wir in der Zeiten Zwiespalt haben es schwer", dichtete er 1929 selbstreflektierend am Ende seiner neuromantischen Phase im "Reisebuch aus den österreichischen Alpen", das eher aus dem Blickwinkel romantischer Ironie gesehen werden sollte, denn als
sich anbiedernder Griff in die reflektionsfreie Emotionskiste. Von der Zeiten Zwiespalt in die verschiedenen Kreise seines Schaffens geworfen und vom Auftrag durchdrungen, alle seine Entschlüsse nach dem Gesetz der Logik gründlich zu bedenken, mag es ihm jeweils schwer gefallen sein, die Kreise auszuloten, schwer auch, weil er jeden seiner Schritte von dessen Verantwortbarkeit abhängig
machte. Oft fand er sich zwischen zwei Sesseln sitzend, in jener Position, von der Dylan Thomas sagte, sie sei die eines Künstlers einzig würdige; eine Position, die rundum das Beliebtsein hemmt. Stützte er sich auf ältere Generationen, hieß man ihn säumig, wünschte er den Jüngeren über die Schulter zu schauen, zieh man ihn des Nacheiferns. Für das eine wie andere heftete man ihm das Wort "unzeitgemäß" an, ohne zu erkennen, daß dessen negativer Sinn ihn nicht treffen konnte. Denn was an Krenek unzeitgemäß wirken mag, ist nicht das Hinausfallen aus dem Vokabular jeweiliger Gegenwartsmusik, sondern das zaudernde Hereinnehmen ihrer als dauerhaft erkundeten Wertkriterien. Das hob ihn über das bloß Modische, verbarg ihn jedoch zugleich den nur auf Aktualität gerichteten Blicken.

Auf der bunten Palette von Individualitäten präsentierte sich Krenek mit sehr eigenen, fast ließe sich eingedenk seiner Stilwandel sagen, oszillierenden Farben. In seinem Zeitfeld belassen, fällt der Begriff des Unzeitgemäßen von ihm ab. Ein vom Schreiben, seinem Lebenselexier, Besessener: rund 250 musikalische Werke, dazu etwa 20 gewichtige literarische, nicht mitgezählt die Dramen (Libretti), Liedtexte und die gigantische Tagebuchdokumentation, ein schier unübersehbares Oeuvre, Zeugnisse einer Vielfachbegabung (Komponist, Musiker, Dichter, Maler).

Klischeewertungen Kreneks sind also zu vermeiden: daß der Prophet im eigenen Lande nicht gelte, daß ein typisch österreichisches Schicksal vorläge, oder daß Mode, gar Epigonentum sein Schaffen kennzeichne. Zeitgeist ist nicht zu leugnen, der explosionsartige Erfolg der Oper "Jonny spielt auf" (1925/26), den Anfang seiner "romantischen" Periode markierend und seinen
Weltruhm begründend, bescheinigt dies. Allerdings reklamierte der Zeitgeist "Jonny" irrtümlich als Jazzoper, obwohl noch vielmehr
das leicht verborgene Selbstporträt in der Figur des Max den profilierenden Hintergrund bildet. Die kraftvollen drei Symphonien aus der frühen tonalitätsfreien Periode - Krenek studierte damals noch bei Schreker an der Berliner Musikhochschule - sind Zeugnisse einer eruptiven Frühbegabung ohne Nachahmungstrieb. Die lange überlegte Zuwendung zur Dodekaphonie erfolgte gleichsam unter historischem Zwang - 1931 gleichbedeutend mit einer politischen Positionierung. Zwar griff er damit eine durch Schönberg inaugurierte Kompositionstechnik auf, prägte sie aber seinen Ideen gemäß um, stellte sie in den Dienst gebändigter Ausdruckskraft, wie etwa das zutiefst berührende, pessimistische a-cappella-Werk "Lamentation Jeremiae Prophetae" (1941/1942). Den Pessimismus ersetzte er später (auch in seriellen Stücken) durch treffsicheren Sarkasmus, gelegentlich durch trockenen Humor - etwa in der zeitendurchschneidenden Oper "Der goldene Bock" (1963) -, oder er desavouierte durch seine Musik allzu starre Musik-Systeme. Und
jener Prophet, der da glaubt, man werde Krenek mehr als
Musikdenker würdigen denn als Komponist, möge letztlich nicht recht behalten - auch wenn es heutzutage manchmal so scheint.

Österreich 1 gedenkt des Künstlers in folgenden Sendungen:
"Zeit-Ton", 14.8., 23.00 Uhr; "Radiokolleg: Der stille Gigant", 21.-24.8., 9.45 Uhr; "Von Karl V. bis Orpheus" - Der
Opernkomponist Ernst Krenek, 23.8., 19.30 Uhr; "Ö1 extra am Sonntag: Ernst Krenek: Echo eines Jahrhunderts - Der Autor,
Essayist und Denker", 27.8., 21.15 Uhr.(rs)

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