WGKK 4: Pressekonferenz "Auswirkungen der Ambulanzselbstbehalte auf die Versicherten"

Primarius Dr. Koller: "Der Selbstbehalt erhöht das Krankheitsrisiko der Patienten"

Wien (OTS) - "Die Ambulanzselbstbehalte bringen Verschlechterungen für Patienten und Spitäler" erklärte der Ärztliche Direktor des Hanusch-Krankenhauses Primarius Dr. Kristian Koller. ****

Durch den Selbstbehalt werden notwendige medizinische Behandlungen unterdrückt oder verzögert

"Der Selbstbehalt bildet eine Zugangsbarriere, die in vielen Fällen das Krankheitsrisiko der Patienten erhöht. Diese Maßnahme der Regierung zielt erklärtermaßen darauf ab, Patienten durch ökonomische Anreize von einer Inanspruchnahme abzuschrecken. Als Mediziner kann ich das nur als gesundheitspolitischen Rückschritt werten" sagte Prim. Dr. Koller.

Ambulanzen haben für Patienten alle Vorteile einer "Gruppenpraxis"

Spitalsambulanzen bieten für die Patienten alle Vorteile einer "Gruppenpraxis": Deutlich längere Öffnungszeiten als Einzelordinationen mit einer 24 Stunden-Zugänglichkeit im Notfall; ein fächerübergreifendes, integriertes Angebot ("alles unter einem Dach", weniger Patientenwege); beste apparative Ausstattung; besonderes medizinisches Know-how der Ärzte in den Spezialambulanzen (mehr Erfahrung mit schwereren und aufwendiger zu behandelnden Krankheitsbildern); etc. Prim. Dr. Koller: "Eine Diskriminierung der Spitalsambulanzen ist gleichbedeutend mit einer Verschlechterung des Angebotes für die Patienten."

Der Ambulanzselbstbehalt untergräbt die Qualität der Behandlung

Viele Ambulanzpatienten kommen im Zuge der Nachbehandlung nach einem stationären Aufenthalt. Diese Patienten werden in Zukunft einen erhöhten Selbstbehalt von 250 Schilling bei jedem Besuch zahlen müssen, da sie wiederbestellt sind und keine Überweisung von einem niedergelassenen Arzt haben. Der Gesetzgeber verhindert damit, daß die Nachbehandlung - etwa nach einer Operation - in einem geschlossenen Behandlungszyklus von dem mit den Befunden und dem Therapieverlauf unmittelbar vertrauten Ärzteteam erfolgt. "Die Nachbehandlung nach einem stationären Aufenthalt an der behandelnden Krankenanstalt ist aus Gründen der Qualitätssicherung wichtig und sinnvoll. Eine Unterbrechung der Behandlungskontinuität mindert die Qualität und kann die Heilungschancen gefährden" betonte Prim. Dr. Koller.

Der Ambulanzselbstbehalt ist als Steuerungsinstrument völlig ungeeignet

"Wenn ein ärztlicher Kollege nach bestem Wissen und Gewissen die medizinische Sachentscheidung trifft, einen Patienten einer bestimmten Spitalsambulanz zuzuweisen, darf sich die Politik nicht korrigierend einmischen und den Patienten durch einen Selbstbehalt vom empfohlenen Ambulanzbesuch abbringen" sagte Prim. Dr. Koller. Das untergräbt das Vertrauen in die Arbeit tausender Ärztinnen und Ärzte und belasten das Arzt-Patienten Verhältnis. Rund 80 Prozent der Ambulanzpatienten kommen aufgrund einer ärztlichen Zuweisung oder zur Nachbehandlung nach einem stationären Aufenthalt. Zur Vermeidung sehr weniger ungerechtfertigter Inanspruchnahmen werden sehr viele Patienten die der Ambulanzbehandlung dringend bedürfen mit einer völlig ungerechtfertigten Strafgebühr belegt.

Durch das neue Gesetz werden den Ärztinnen und Ärzten unzumutbare Entscheidungen abverlangt

Dazu ein Beispiel: Nach der neuen Regelung werden die Ärzte in den Ambulanzen bei jedem Patienten überprüfen müssen, ob außerhalb der Ambulanz das jeweils notwendige Untersuchungs- und Behandlungsangebot "in angemessener Entfernung unzureichend" ist oder nicht. Darauf aufbauend müssen die Ärzte dann die Entscheidung über die Zahlungspflicht des Patienten treffen. Wenn am Freitag um 14:00 Uhr ein Patient die urologische Ambulanz bzw. die urologische Abteilung aufsucht, müßten die Ärzte dann wissen, ob um diese Zeit noch eine urologische Ordination in angemessener Entfernung offen hat. Solche und ähnlich absurde Entscheidungen werden auf die Spitalsärzte abgewälzt. "Es wäre keinem Arzt zu verdenken, würde er jeden Zweifelsfall zugunsten des Patienten auslegen. Dies um so mehr, als die Spitäler mit Öffentlichkeitsrecht verpflichtet sind, jedem Bürger ärztliche Hilfe zu leisten" sagte Prim. Dr. Koller.

Das neue Gesetz bringt eine extreme Ausweitung der Bürokratie in den Spitälern

Die heran rollende Bürokratielawine wird den Ärzten viel Zeit und den Spitälern viel Geld für die Patientenbetreuung rauben. Der Spitalsarzt muß vor Ort entscheiden, wer von seinen Patienten Ambulanzgebühr bezahlen muß und wer nicht. Dazu bedarf es einer bisher nicht vorgesehenen zusätzlichen Datenerhebung: Es muß geprüft werden ob ein Notfall mit Lebensgefahr vorliegt, ob die Erreichbarkeit alternativer Angebote gegeben war, usw. Prim. Dr. Koller: "Diese blühende Bürokratie nimmt den Ärzten wertvolle Zeit, die viel besser für Patientengespräche genutzt werden könnte."

Das neue Gesetz ist insgesamt undurchdacht und praxisfern

Auch dazu ein Beispiel: Ein Patient der am frühen Abend beim Volleyball mit dem Fuß umgeknickt ist, kommt in die Unfallambulanz, von dort in die Röntgenambulanz und dann wieder in die Unfallambulanz zur Festlegung der weiteren Therapie. Gemäß den neuen Bestimmungen müßte dieser Patient bereits 750 Schilling an Selbstbehalten zur Seite legen.

(Schluss)

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Gebietskrankenkasse
Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Jan Pazourek
Tel.: (01) 60 122 - 2254, 0664 - 22 48 674

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | WGK/OTS