"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Kasse mit Klasse" (von Günther Schröder)

Ausgabe vom 8. 8. 2000

Innsbruck (OTS) - In dieser Regierung scheint Tabubruch zum Alltagsgeschäft zu werden. Diesmal ist es der Staatssekretär und gelernte Radiologe Reinhart Waneck, der die Pflichtversicherung in Frage und eine Versicherungspflicht zur Diskussion stellt.

Die heftigen Reaktionen waren absehbar, das Gegenargument, wonach dann eine Zwei-Klassen-Medizin drohe, ist natürlich diskussionswürdig. Tatsächlich bietet vor allem Großbritannien abschreckende Horrorstories zuhauf. So war schon viel zu lesen von älteren Patienten, die unbehandelt nach Hause geschickt werden, weil eine Therapie angeblich unwirtschaftlich ist.

Doch so greift die Debatte zu kurz, denn die an die Wand gemalte Zwei-Klassen-Medizin ist in Österreich längst da, geografisch und -vielleicht noch schlimmer - einkommensmäßig. Auch wenn es von den Spitalserhaltern bestritten wird, werden Patienten mit Zusatzversicherung auch medizinisch besser betreut - etwa wenn es um Operationstermine geht. Längst zahlen Kassen wichtige teure Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen und Medikamente nicht.

So gesehen darf man vor der Diskussion über einander konkurrierende Kassen keinesfalls zurückschrecken. Deutschland, das ein solches System im Jahr 1996 einführte, im Unterschied zu Österreich aber viele tausend verschiedene, oftmals sehr kleine Versicherungsträger hat, bietet da zumindest bis zu einem gewissen Maß ein Beispiel.

Jedenfalls gilt es aber, behutsam vorzugehen, Tabubrüche mögen zwar intellektuell lustvoll sein, beim Gesundheitssystem sollte sich der Wille zum Experiment allerdings in bestimmten Grenze halten.

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