Oberösterreichische Nachrichten - Leitartikel: Von Gerald Mandlbauer: Freie Wahl der Krankenkasse -Zweiklassenmedizin? Als ob es diese nicht schon gäbe

Die Wiener Gebietskrankenkasse ist finanziell ausgeblutet. Ihr Obmann hofft, dass die Reserven bis Jahresende reichen.
Geld zum Stopfen dieser Löcher soll von anderen Kassen kommen. Beispielsweise soll die Oberösterreichische einen Milliardenbetrag zwangsweise abführen, um Defizite anderer Kassen zu decken.
Gelebte Solidarität? Wohl eher klassischer Missgriff, der die Kassen zu falschen Reflexen führt? Wozu haushalten, wenn der Lohn dafür am Ende doch abhanden kommt?
Wieso sollte der Wiener Kassenfunktionär seinem oberösterreichischen Kollegen nacheifern, wenn nachlässige Verwaltung pardoniert wird? Null Sanktion, null Lehre daraus.
So sind selbst unter den neun Gebietskrankenkassen nicht alle gleich. Erst recht sind die Unterschiede unter anderen der 29 Sozialversicherungsträger eklatant.Die einen gewähren Gratis-Zahnersatz, Klassenbett, Gratisbrille, andere verlangen Selbstbehalt.
Prämien und Leistungen divergieren. Warum also nicht die Kunden entscheiden lassen, wo sie sich künftig versichern wollen?
Eine kleine Änderung in der Wortfolge nur, doch zwei Welten: Statt Pflichtversicherung eine Versicherungspflicht. Ein solcher Wechsel im System würde einem Versicherungsmonopol ein Ende machen. Die Sozialversicherer würden sich ihrer Versicherten nicht mehr sicher sein. Misswirtschaft wie das oben genannte Wiener Beispiel hätte Folgen.
Versicherte würden von schlechten zu guten Kassen wandern und nicht mehr als Bittsteller, vielmehr als Kunden gesehen. Wettbewerb Ð unter Einschluss bereits bestehender privater Versicherer Ð wurde zur Selektion unter den Versicherungen führen.
Zur Selektion unter den Versicherten käme es ebenfalls. In der Autohaftpflicht geraten jene, bei denen es am häufigsten bumst, in den Malus. In der Sozialversicherung würde ein solcher Malus die hohen Risken treffen, Behinderte, Ältere, Schichtarbeiter. Sogenannte gute Risken, Junge, Vitale, würden von den Assekuranzen umworben.
Käme es deshalb zur Zweiklassenmedizin? Nicht notgedrungen. Erstens gibt es diese Mehrklassenmedizin bereits. Jeder kann sich privat zusatzversichern.

Zweitens ließe sich Wahlfreiheit nur verwirklichen, wenn der Risikogruppe garantierte Versicherung zu gesetzlich garantierter und überwachter Mindestprämie gewährt wird. Man kann für Fehlverhalten im Autoverkehr durch Malus pardoniert werden, aber nicht für Fehlfunktionen seines Körpers. Daher muss der Staat, wie künftig in der Pensionsvorsorge, die Basisversorgung garantieren, allerdings unter Wettbewerbsbedingungen.
Ende der Solidarität? Genausowenig, wie die Sozialversicherung jetzt eine Solidargemeinschaft ist. Diejenigen, die ihrem Körper nichts Gutes tun, nicht zum Arzt gehen, trinken, völlern , Bungee-jumpen, werden mit ihrem höheren Risiko getragen von der Masse derer, die an ihrer Gesundheit arbeiten. Eine Vision: Vielleicht führte ausgerechnet Wahlfreiheit dazu, dass die Leute ihrem Körper jene Pflege gönnen, die sie ihrem Auto gewähren.

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