"Die Presse" Kommentar: "Putins vergessener Krieg" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 7.8.2000

Das Selbstvertrauen, mit dem der russische Präsident seit seinem Amtsantritt agiert, spiegelt sich in den Schlagzeilen: Wladimir Putin ordnet Regionskompetenzen neu; Putins Kampfansage an die Oligarchen; Putin geht gegen Medien vor; Putin warnt USA vor Raketenabwehr; Putin plant Regierungsumbildung. Der Schwung, mit dem der Kreml-Herr unterwegs ist, läßt den Westen furchtsam-bewundernd staunen. Aber war da nicht noch was?
Richtig: der fast vergessene Tschetschenien-Krieg. Wären da nicht hie und da Meldungen über russische Offiziere, die von Rebellen geköpft wurden, oder über neue Fluchtwellen, vom Sterben im Kaukasus nähme kaum noch jemand Notiz. Geschweige denn, daß irgendwer den eigentlichen Kriegsherren, Wladimir Putin eben, in die Pflicht nehmen wollte.
Es ist genau ein Jahr her, daß moslemische Rebellen aus dem abtrünnigen Tschetschenien im benachbarten Dagestan einfielen, nach zähen Gefechten von russischen Truppen vertrieben wurden und letztere gleich weiter nach Tschetschenien marschierten. Paralleler, angeblich tschetschenischer Terror in Rußland lieferte Moskau den Vorwand für seinen zweiten Tschetschenien-Krieg. Der hat seither (offiziell) 2600 Opfer in der russischen Armee und 14.000 bei den Rebellen gefordert. Von den toten Zivilisten spricht niemand, nur die 150.000 Flüchtlinge in Inguschetien sind nicht zu übersehen. Tschetschenien ist seither ein devastiertes Land und von einer Lösung so weit entfernt wie eh und je. Daß der Krieg einzig und allein dazu diente, die Popularität und Karriere des jungen Wladimir Putin bis ins Präsidentenamt zu unterstützen, ist längst anerkannt. Der Westen wollte es sich mit dem neuen Mann in Moskau nie verscherzen. Die USA, Europa oder der Europarat schreckten vor scharfen Tönen gegen Putin stets zurück. Der kann dafür keck behaupten, mit dem Krieg den Westen vor der moslemischen Bedrohung zu bewahren, und damit das schwarze Kapitel seiner Präsidentschaft unwidersprochen heroisieren. Dem Westen ist's gleich. Das schwarze Kapitel wird nach dem Jahrestag ohnedies bald wieder ein vergessenes sein, nicht wahr?

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