Rieder: Essstörungen häufiger als angenommen

Wiener Studie: 30 Prozent der 15-jährigen Mädchen zeigen abnormes Essverhalten

Wien, (OTS) "Essstörungen dürften mehr Jugendliche und hier vor allem Mädchen betreffen als wir ursprünglich angenommen haben", erklärte am Donnerstag Wiens Gesundheitsstadtrat Dr. Sepp Rieder im Rahmen der Präsentation der Studie "Auffälliges und abnormes Essverhalten bei Schülern in Wien", der ersten Studie zu diesem Thema, die in Wien durchgeführt worden ist. Demnach haben
30 Prozent der 15-jährigen Mädchen schon einmal absichtlich erbrochen oder Medikamente eingenommen um Gewicht zu verlieren. 6 Prozent der Mädchen und 3 Prozent der Burschen haben bereits eine Therapie oder Beratung wegen eines Essproblems in Anspruch
genommen. Generell haben Mädchen ein deutlich gestörteres Essverhalten und sind mit ihrem Gewicht unzufriedener als
Burschen.

Die Studie wurde in Kooperation der Wiener Frauengesundheitsbeauftragten Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger mit Prof. Dr. Martina de Zwaan, Leitende Oberärztin der
Spezialambulanz für Essstörungen am AKH, durchgeführt, beide nahmen an dem Mediengespräch teil.****

Für die Essstörungsstudie wurden im Jahr 1999 insgesamt 1.903 Schülerinnen (1.175) und Schüler (728) der 9. Schulstufe (rund 15 Jahre) schriftlich befragt.

Eingebunden waren 35 Schulen der Schultypen AHS, HAK, Polytechnikum, Berufsschule und Handelsschule.

Rieder: "Ergebnisse der Studie sind Auftrag für verstärkte Initiativen zum Thema Essstörungen"

"Diese Studie und auch die rege Inanspruchnahme der vor eineinhalb Jahren in Betrieb genommenen Hotline bestätigen uns in unserem Weg, für essgestörte junge Mädchen und Burschen verstärkt Hilfe anzubieten", betonte Wiens Gesundheitsstadtrat Rieder. "Wir haben es durch die Essstörungskampagne erreicht, Betroffene früher zu einer Kontaktaufnahme mit Beratungsstellen zu motivieren.
Unsere Erfahrungen zeigen jedoch, dass es notwendig ist, Schülerinnen und Schüler noch früher über das Thema aufzuklären. Deswegen wollen wir die Infostunden an den Wiener Schulen
ausbauen."

Ergebnisse der Essstörungsstudie

Zentrale Themen der Studie waren die Einstellung der
Befragten zu Gewicht und Körperfigur sowie Essverhaltensauffälligkeiten. Generell kann gesagt werden, dass Mädchen viel häufiger Essverhaltensstörungen zeigen als Burschen. Mädchen sind auch häufiger mit ihrem eigenen Körper unzufrieden als Burschen.

Von den 1.903 befragten Schülerinnen und Schülern weisen 13,3 Prozent der Mädchen und 10 Prozent der Burschen Untergewicht auf. Übergewicht, so die Auswertung der Eigenbeschreibung, wurde bei 6 Prozent der Mädchen und 9 Prozent der Burschen festgestellt.

o 50 Prozent der Mädchen und 15 Prozent der Burschen gaben an,

schon einmal eine Diät gemacht zu haben.
o Fast ein Viertel aller Befragten (17 Prozent der Mädchen,

7,3 Prozent der Burschen) wiegen sich mindestens einmal täglich. o 34 Prozent der Mädchen und 6,5 Prozent der Burschen haben Angst

bzw. sehr starke Angst zuzunehmen.
o 23 Prozent der Mädchen und 9 Prozent der Burschen sind mit ihren

Körperproportionen sehr oder extrem unzufrieden.

Abnormes Essverhalten: 9 Prozent der 15-jährigen waren schon in Therapie oder Beratung

Insgesamt 30 Prozent der Mädchen (6 Prozent der Burschen) haben schon einmal absichtlich erbrochen oder Medikamente wie Abführmittel, Entwässerungstabletten oder Appetitzügler eingenommen um Gewicht zu verlieren. Auch wenn es sich bei so
einem Verhalten nicht gleich um eine manifeste Essstörung handeln muss, so sind dies doch Risikofaktoren für die Entwicklung eines solchen Krankheitsbildes.

Besonders erwähnenswert ist dabei, dass 6 Prozent der Mädchen und 3 Prozent der Burschen angaben, bereits Therapie oder Beratung wegen eines Essproblems in Anspruch genommen zu haben.

Fragen und Antworten

o Hattest du jemals Essanfälle?

weiblich: 331 (28,2%)
männlich: 122 (16,8%)
o Hattest du während dieser Essanfälle das Gefühl des

Kontrollverlusts?
weiblich: 210 (17,9%)
männlich: 41 (5,6%)
o Um Gewicht abzunehmen hast du jemals absichtlich erbrochen?

weiblich: 149 (12,7%)
männlich: 11 (1,5%)
o Abführmittel genommen?

weiblich: 71 (6,0%)
männlich: 9 (1,2%)
o Entwässerungstabletten genommen?

weiblich: 35 (3,0%)
männlich: 7 (1,0%)
o extrem Sport betrieben?

weiblich: 340 (29,0%)
männlich: 164 (22,5%)
o Appetitzügler genommen?

weiblich: 92 (7,8%)
männlich: 14 (1,9%)
o 24 Stunden gar nichts gegessen?

weiblich: 240 (20,4%)
männlich: 30 (4,1%)

Gratis-Hotline ist großer Erfolg: 3.600 Anruferinnen bisher; täglich melden sich bis zu 10 Anruferinnen

Im Rahmen der im Herbst 1998 gestarteten Essstörungskampagne wurde unter anderem eine Gratis-Hotline 0800-20 11 20 (Montag -Freitag von 12-17 Uhr, Freitag von 9 - 12 Uhr) eingerichtet, an
der sich bisher insgesamt 3.600 AnruferInnen gemeldet haben. Das sind rund 10 Anrufe pro Werktag.

Die Hotline ist zentrale Drehscheibe dieser Aktion. Speziell ausgebildete Therapeutinnen geben dort Auskunft und können bei Bedarf an eine der Therapieeinrichtungen weitervermitteln. Obwohl die Öffentlichkeitskampagne bereits Mitte 1999 ausgelaufen ist, melden sich weiterhin bis zu 10 Anruferinnen pro Tag.

Konkrete Hilfe für Betroffene: Therapieeinrichtungen verzeichnen verstärkte Inanspruchnahme

Aufgrund der Kampagne wurde in den einzelnen Therapieeinrichtungen eine verstärkte Inanspruchnahme registriert. Durchschnittlich 50 Prozent mehr Patientinnen meldeten sich seit Beginn der Kampagne in den Einrichtungen.

Um Essstörungen heilen zu können, ist eine eingehende psychische und physische Therapie notwendig, die in weit fortgeschrittenen Fällen stationär erfolgt, sonst aber ambulant oder in Tagesbetreuung. Dazu stehen in Wien verschiedene Angebote zur Verfügung: Stationäre Behandlung gibt es unter anderem im AKH, im Wilhelminenspital und im Krankenhaus der Barmherzigen
Schwestern. Ambulante Betreuung wird im F.E.M.-Zentrum an der Semmelweis-Frauenklinik, im F.E.M.-Süd im Kaiser Franz Josef-Spital, im AKH, im Wilhelminenspital sowie in der Jugendambulanz
der Wiener Gebietskrankenkasse und von verschiedenen Vereinen angeboten. Immer mehr Bedeutung haben ferner Selbsthilfegruppen.

o Magersucht - (Anorexie)

Magersucht ist eine schwere psychische Erkrankung. Betroffene fühlen sich dick, auch wenn sie untergewichtig sind. Die Merkmale sind Untergewicht, Angst, dick zu werden, Ausbleiben der Regel, Verzögerung der körperlichen Entwicklung. Die körperlichen Folgeschäden sind Absinken von Puls, Blutdruck, Körpertemperatur, Müdigkeit, Verstopfung, Zahnschäden, Veränderung der Körperbehaarung, Schlafstörungen, Nervosität, Stimmungsschwankungen.

o Ess-Brech-Sucht - (Bulimie)

Bulimikerinnen verstecken ihre Krankheit, die oft mit Diäten beginnt. Sie stopfen Lebensmittel in sich hinein und erbrechen anschließend absichtlich aus Angst vor Gewichtszunahme. Nach außen sind dies oft selbstbewusste, beliebte Mädchen, die innerlich leer und verzweifelt sind. Die Merkmale sind Angst, dick zu werden, Heißhungeranfälle mit willentlichem Erbrechen bzw. Einnahme von Abführmitteln. Die körperlichen und seelischen Folgeschäden sind Schwellungen der Speicheldrüse, Speiseröhreneinrisse, Zahnschäden, Magenwand- und Nierenschäden, Herzrhythmusstörungen, sozialer Rückzug, Depressionen, Selbstabwertung.

o Ess-Sucht

Esssüchtige versuchen durch übermäßiges Essen mit ihren Ängsten, ihrer Trauer, Wut und Einsamkeit fertig zu werden. Sie wollen ein "emotionales Loch" stopfen. Die Merkmale sind extremes Übergewicht oder ständige, starke Gewichtsschwankungen, Heißhungeranfälle. Die körperlichen und seelischen Folgeschäden sind Überlastungen des Herzens, des Kreislaufs und Skeletts, Leberschäden, Diabetes, sozialer Rückzug, Depressionen, Selbstabwertung. (Schluss) nk

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