"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Drei Monate Zeit" (von Floo Weißmann)

Ausgabe vom 3. 8. 2000

Innsbruck (OTS) - Israels Premier Ehud Barak könnte zu Recht den Eindruck völliger Verzweiflung machen. Seine politische Lage und damit auch die Zukunft des Friedensprozesses scheinen ausweglos zu sein. Will er an der Macht bleiben, muss er sich Partner unter den nationalen und orthodoxen Parteien suchen, um wieder eine Mehrheit im Parlament zu bekommen. Will er ein Friedensabkommen schließen, muss er den Palästinensern noch weiter entgegenkommen. Doch schon seine bisherigen Angebote haben in der Koalition Schwindsucht hervorgerufen. Zuletzt musste sich Barak bei jeder Gelegenheit von der Opposition ohrfeigen lassen, die dies offenbar auch mit einer gewissen Lust betreibt. Israels höchstdekoriertem Soldaten haftet der dünne Geruch der Niederlage an.

Trotzdem versprüht Barak Entschlossenheit. Woran tüftelt der Mann, der selbst im Augenblick der Niederlage lacht, als hätte er soeben einen guten Witz gehört?

mmerhin hat er es geschafft, sich mit den letzten Getreuen in die Sommerpause des Parlaments zu retten und damit drei Monate Zeit gewonnen. Mittendrin, am 13. September, liegt der Stichtag für ein Friedensabkommen. Seit Monaten bereitet Barak die israelische Öffentlichkeit mit offiziellen Reden und gezielten Indiskretionen aus den Verhandlungen darauf vor, dass es keinen Frieden ohne Kompromisse gibt. Erzielt er am Ende eine Einigung mit den Palästinensern, kann er vor die Kameras treten nach dem Motto: Friss oder stirb. Dann liegt es an den Menschen in Israel, direkt in einem Referendum oder indirekt über Neuwahlen über den Frieden abzustimmen. Schlägt die Stimmung um, ist auch Baraks politisches Überleben gesichert.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Chefredaktion, Tel.: 0512/5354 DW 601

Tiroler Tageszeitung,

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT/OTS