"Die Presse" Kommentar: "Auf Clintons Spuren" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 3.8.2000

Wien (OTS). Nach Wochen des politischen Dämmerschlafes werden die Amerikaner gerade wachgeküßt - nicht wie im Märchen herkömmlichen Zuschnitts, sondern wie im Märchen amerikanischer Vorstellung eben:
Ein Parteitag, der alle Stückeln der Unterhaltungs- und Vermarktungs-Maschinerie spielt, wie sie nur jenseits des Atlantiks möglich ist, präsentiert in präziser Choreographie den nächsten US-Präsidenten -wenn es nach den Republikanern geht: George W. Bush junior, seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, soll das garstige Clinton-Intermezzo im Weißen Haus vergessen machen und die Bush-Ära ebendort fortsetzen.
Mit der Convention der Grand Old Party ist der US-Präsidentschaftswahlkampf de facto eröffnet. Auf der einen Seite also George Bush - bisher eher als politisches Leichtgewicht wahrgenommen, das auf eine kurze Karriere als Gouverneur in Texas verweisen kann, die laut britischem "Economist" angesichts der Boom-Jahre "jeder Idiot zu einer erfolgreichen" gemacht hätte. Auf der anderen Seite Vize-Präsident Al Gore - ein herausragender politischer Langeweiler, der den wirtschaftlichen Höhenflug der USA in den Clinton-Jahren in Stimmen umsetzen möchte und bisher vor allem dadurch aufgefallen ist, bei der Themenbesetzung George Bush hintnachzuhinken.
Bush gegen Gore: Haben die Amerikaner, ist man verleitet zu fragen, keine bessere Wahl? Beide jedenfalls wissen, daß sie an ihrem Image bis zum Wahltag noch gehörig zu arbeiten haben.
Bush hat damit bereits begonnen. Die Devise lautet: alles anders. Es ist eine "andere Parteiconvention", sagen ihre Erfinder; es handelt sich um "andere Republikaner", sagen die Republikaner; und Bush selbst beschreibt sich zuallererst als eine "andere Art von Republikaner". Das alles geschieht im Bemühen, den als stockkonservativ punzierten George W. Bush neu zu positionieren, und als Vehikel dient ihm dabei ein in zwei Worte gebündeltes Grundwertesystem: "Compassionate conservatism". Das ist mit "mitfühlender Konservativismus" nur unzureichend übersetzt, wird dem Wahlvolk gebetsmühlenartig vorgesetzt und ist der Versuch, konservative Werte mit der Beteuerung zu verkaufen, daß man auf soziale Wärme nicht vergißt.
Bill Clinton, der Meister geschliffener Worthülsen, ließ es sich nicht nehmen, über diese "brillante Strategie" zu ätzen: "Ein hübsches Paket, und sie hoffen, wenn sie es fest genug einpacken, wird es niemand vor Weihnachten aufschnüren". Das ist hübsch gesagt, entspringt aber der erschreckten Erkenntnis, daß Bush gerade dabei ist, die Demokraten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen:
Clinton hat seine Wiederwahl nur damit geschafft, seine ursprünglichen Ideen über den Haufen zu werfen und in die politische Mitte zu rücken. Genau dasselbe macht George W. Bush: "Compassionate conservatism" bewegt sich schön ungreifbar in der Mitte, erlaubt Bush auch, Themen (Erziehung, soziale Sicherheit) zu besetzen, die es früher nur auf demokratischen Parteitagen zu hören gab.
Dazu verfügt Bush junior über Volksnähe und die Gabe, mit seinem "netten" Image frühere unfreundliche Exzesse vergessen zu machen, sowie ein Gespür, sich mit exzellenten Beratern und "Running mates" zu umgeben. Auf der Soll-Seite stehen Schwächen in der freien Rede sowie mangelnde Tiefe in Sachfragen. Daß ihm dennoch gerade bei den Themen - von Rüstung bis Bildung - nach Umfragen mehr Kompetenz zugebilligt wird als seinem Widersacher, zeigt, daß dieser ab seinem Parteifest in zwei Wochen viel aufzuholen hat. Im Moment schlägt jedenfalls die Stunde des George W. Bush. Al Gore kann nur darauf hoffen, daß sich Frühform an der Ziellinie oft rächt. Zumindest im Sport.

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