OeNB-Geldmengenentwicklung im Übergang zur Währungsunion

in der Publikationsreihe "Berichte und Studien",

Wien (OTS) - Heft 2/2000, erschienen

Die Geldmenge nimmt in der geldpolitischen
Strategie des Eurosystems eine herausragende Rolle ein. Für das Wachstum des weit gefassten Geldmengenaggregats M3 gibt die Europäische Zentralbank (EZB) einen Referenzwert bekannt.
Während "Abweichungen des aktuellen monetären Wachstums vom Referenzwert unter normalen Bedingungen Risiken für die Preisstabilität anzeigen", sieht der EZB-Rat jedoch "keine automatische Beziehung zwischen kurzfristigen Abweichungen des Wachstums von M3 vom Referenzwert und geldpolitischen
Beschlüssen".

Die Jahreswachstumsrate von M3 stieg im Vergleich zum
Dezember 1998 (4,7%) im Jänner 1999 sprunghaft auf 5,8% an. Während sich die Abweichung vom festgelegten Referenzwert (4,5%)
im ersten Halbjahr 1999 nicht stärker ausweitete, erhöhte sich
der Abstand ab dem dritten Quartal weiter. Erst im Jänner 2000
sank das M3-Wachstum auf 5,2%. Ab Februar 2000 war jedoch wieder eine kräftigere, über 6% liegende Geldmengenexpansion zu verzeichnen.

Das seit Beginn der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) über dem Referenzwert liegende monetäre Wachstum gibt Anlass zur
Sorge, dass sich ein monetärer Überhang aufgebaut hat. Sonderfaktoren könnten jedoch die Geldmengenentwicklung nach
oben verzerrt haben. In der Diskussion um die geldpolitische Strategie des Eurosystems wurde argumentiert, dass mögliche strukturelle Veränderungen des Finanzsystems (wie etwa die Einführung einheitlicher geldpolitischer Instrumente oder die erhöhte Wettbewerbsintensität des Bankensystems) Substitutionseffekte zwischen den zur Geldmenge M3 zählenden Komponenten und längerfristigen Anlagen induzieren könnten. Die Geldmenge wurde somit als Variable gesehen, die besonders mit
dem Beginn der dritten Stufe der WWU irregulären Einflüssen ausgesetzt sein könnte.

Im Rahmen einer so genannten Ausreißerbereinigung werden simultan die Dynamik der Geldmengenentwicklung sowie
möglicherweise auf sie wirkenden Sonderfaktoren geschätzt. Die Ausreißerbereinigung erlaubt festzustellen, wann und in welchem Ausmaß Einflüsse aufgetreten sind, die außerhalb der "gewöhnlichen" Zeitreihenentwicklung liegen.

Die Untersuchung basiert auf Monatsdaten des Euroraums von Jänner 1980 bis März 2000. Im Jänner 1999 wird bei allen drei Geldmengenaggregaten (M1, M2, M3) ein so genannter Innovationsausreißer identifiziert. Dieser Ausreißer weist die höchste statistische Signifikanz auf, das heißt, er stellt das bedeutendste Sonderereignis in den Geldmengenentwicklungen dar.

Die vielfach geäußerte Vermutung, dass der starke Anstieg des monetären Wachstums im Jänner 1999 eine einmalige Erhöhung der Geldhaltung im Niveau darstellt, der die Wachstumsraten nur temporär erhöht hat, kann durch die Analyse nicht bestätigt werden. Das Ergebnis der zeitreihentechnischen Untersuchung
zeigt, dass der Innovationsausreißer zu Beginn der Währungsunion die Geldmengenwachstumsrate von M3 nicht nur temporär (1999 in
der Höhe von 1,3 Prozentpunkten), sondern auch dauerhaft (seit Februar 2000 um 0,5 Prozentpunkte) erhöht hat.

Dieser langfristig wirkende "WWU-Effekt" im M3-Wachstum kann ökonomisch im Rahmen der Quantitätsgleichung (in Wachstumsraten) diskutiert werden. Die stärkere monetäre Expansion muss definitionsgemäß einer ebenfalls mit Beginn der dritten Stufe
der WWU erfolgten Änderung (zumindest) einer der Komponenten -mittelfristige Wachstumsrate des Potenzial-Outputs,
Preisentwicklung oder Veränderung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes - entsprechen. Dieser saldenmechanische Zusammenhang darf allein jedoch nicht kausal interpretiert werden. Eine Erklärung für das höhere Geldmengenwachstum lässt sich nur im Rahmen eines Strukturmodells weiter analysieren.

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