"Kleine Zeitung" Kommentar: "Kreiskys Enkel, arme Erben" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 30.7.2000

Graz (OTS) - Zum zehnten Todestag von Bruno Kreisky haben nicht
nur die Zeit- und Gesinnungsgenossen Kränze am Grab des ehemaligen Bundeskanzlers hinterlegt. Auch viele, denen die neue Regierung nicht behagt, haben eine Träne verdrückt. Schließlich hat er sie seinerzeit eingeladen, "ein Stück des Weges" mit der SPÖ zu gehen. Aber letztlich zeigte sich, dass bis zum Ende des Weges doch nur die Minderheit gehen wollte.

War es seine Schuld? Oder die Schwäche der Nachfolger?

Wer hätte sich vor zehn Jahren, als Kreisky längst nicht mehr der "Sonnenkönig" war, vorstellen können, dass die größte Bank Österreichs, die einstmals der Republik und der Stadt Wien gehörte, an das Ausland verkauft wird?

Wer hätte für möglich gehalten, dass eine Pensionsreform gegen den Willen des Gewerkschaftsbundes vom Parlament beschlossen wird? Und wer hätte gewagt, ein Null-Defizit im Budget zu fordern?

Alle standen auch damals noch im Bann des "Alten", obwohl seine Wirtschaftspolitik gescheitert war, weil die scheinbare Alternative, Schulden oder Arbeitslose, offensichtlich nie bestanden hat und Kreisky nur beides erreicht hat, nämlich Schulden und Arbeitslose.

Trotzdem blieb das Kanzleramt in der Hand der SPÖ. Auf Bruno Kreisky folgten Fred Sinowatz, Franz Vranitzky und Viktor Klima. So unterschiedlich ihre Charaktere und Temperamente auch waren, sie hatten eines gemeinsam: Alle drei eroberten die Macht nicht mit Hilfe der Wähler, sondern wechselten aus einem Ministerbüro auf den Ballhausplatz, entweder unmittelbar nach den Wahlen oder mitten in der Gesetzgebungsperiode.

Erst Alfred Gusenbauer steht vor der Herausforderung, den Marsch aus der Opposition anzutreten. Insofern ist der jetzige SPÖ-Obmann nicht nur der Enkel, sondern auch der Erbe Kreiskys, der ebenfalls aus der Opposition angreifen musste.

Die Ausgangsposition ist allerdings ungleich schwieriger. Als Kreisky zum Parteichef gewählt wurde, verfügte die SPÖ über 43 Prozent aller Stimmen, heute sind es nur noch 33 Prozent. Vor allem verfügte Kreisky über einen strategischen Partner. Er konnte das Abenteuer einer Minderheitsregierung eingehen, weil er sich bereits in der Wahlnacht die Unterstützung durch Friedrich Peter für den Preis eines neuen Wahlrechts eingekauft hatte, das auf das Überleben der FPÖ zugeschnitten war.

Vergangene Zeiten, gewiss. Aber halten wir uns an Kreisky, der einen Rundfunkreporter gemaßregelt hat, er möge gefälligst "Geschichte lernen".

Tun wir es: Als Sinowatz entnervt aufgab und bald darauf sein Vasall Norbert Steger durch Jörg Haider gestürzt wurde, zerriss Vranitzky die rot-blauen Bande. Die Rechnung, Haider auszugrenzen, ging auf, weil die FPÖ zunächst vor allem die ÖVP bedrohte und diese sich in die Arme der SPÖ flüchtete. Später räumte Haider auch die SPÖ ab, doch Klima hatte nicht den Mut, die Richtung zu ändern. Er glaubte, die ÖVP wieder in die alte Koalition zwingen zu können.

Ein historischer Irrtum. Gusenbauer hat es schwerer als Kreisky: Er muss ein Bündnis, nicht bloß eine Partei stürzen. ****

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