"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Schleichende Politik" (von Peter Plaikner)

Ausgabe vom 22. 7. 2000

Innsbruck (OTS) - Die Salzburger Festspiele beginnen, die
Bregenzer laufen, die Tiroler nähern sich dem Ende. Während der Hochsaison hochkarätiger Events hat sogar das Wehklagen kleiner Kulturbetriebe Pause. Allerorts grassierende Existenzängste infolge Subventionskürzungen werden übertönt durch Sparbefürchtungen von Bestbestallten.

Die politischen Ansprechpartner reagieren mit Beschwichtigung bis Neuorientierung. Franz Morak redet ausgerechnet in Bregenz gegen mehr Förderung marktkonformer Angebote. Die nicht etablierte, neue und junge Kunst verdiene Unterstützung, meint der Staatssekretär mit dem breiten Kulturbegriff. Österreichs Nachholbedarf in der Copyrightindustrie ist sein Lieblingsthema.

Taten sind solchen Worten nicht gefolgt. Einstige Subkulturzentren, die sich seit den 80-er Jahren etabliert haben, kämpfen mittlerweile gegen ihre finanzielle Auszehrung. Marktgerechte Kunstevents gedeihen prächtiger denn je. Junge Alternativen verkümmern im zeitgeistigsten aller Paradoxa, der öffentlichen Verborgenheit.

Die wichtigsten neuen Initiativen nutzen moderne Kommunikationstechnologie. Via Internet, dem größten Marktplatz, entziehen sie sich herkömmlichen Kunstkategorien. Während die ursprünglich aufmüpfige Popszene ökonomisch domestiziert wurde, ist ihre anarchische Speerspitze online. Der ewig spannende kreative Widerstreit von Kultur und Wirtschaft tobt heute um die geistige Hoheit im globalen Netz. Nicht nur hierzulande politisch nahezu unbeachtet. Frei nach dem Motto: Der Jugend ist jede Zerstreuung erlaubt, die ihre Sammlung verhindert.

Moraks Ansatz ist richtig. Doch er überfordert das traditionelle Kunstbewusstsein seiner Kollegen - horizontal über Parteigrenzen hinweg, vertikal vom Bund bis in die Gemeinden. Innerhalb ihrer Kaste kaum mehrheitsfähig und ohne Macht, dies ignorieren zu können, re(!)agieren Kulturpolitiker aller Ebenen in ständiger Defensive: Es gibt keine Kulturpolitik, es gibt Sparprogramme.

Solch angeblich unentrinnbare Zwänge sorgen schleichend für Veränderungen. Sie sind nicht immer so unerwünscht, wie ihre Vollstrecker uns glauben lassen.

Das ist Politik. Nicht gestaltende, sondern feige Politik.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung,
Chefredaktion,
Tel.: 0512/5354 DW 601

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT/OTS