"KURIER" Kommentar: Erinnerungen an Grassers Zukunft (von Norbert Stanzel)

Ausgabe vom 22. 07. 2000

Wien (OTS) - The harder they come, the harder they fall - unscharf übersetzt: Je schneller der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Der Titel des Reggae- Evergreens von Jimmy Cliff ist auch in der Politik gültig. Wer erinnert sich noch an Andreas Staribacher, der es als Kurzzeit- Finanzminister zu beinahe ebenso vielen Illustrierten-Covers brachte wie der jetzige Amtsinhaber? Natürlich ist es Zufall - aber doch bemerkenswert, dass nach Androsch (1970) und Staribacher (1995) mit Karl-Heinz Grasser nun bereits der dritte Jung-Star in der Wiener Himmelpfortgasse residiert, dem (zumindest beim Amtsantritt) das Image des juvenilen Dressman anhängt. Hier endet die Ähnlichkeit mit Staribacher. Jene zwischen Androsch und Grasser bleibt. Denn entgegen ihrem Image sind (waren) beide eigentlich keine parteifernen Quereinsteiger, sondern haben eine klassische Parteikarriere hinter sich - wenn auch beide immer darauf geachtet haben, nicht existenziell von der Politik abhängig zu sein. Androsch war, ehe er mit 32 zu Ministerehren kam, Obmann der sozialistischen Studenten, danach Mitarbeiter im SP-Parlamentsklub. Zudem pflegte er stets seine politische "Basis", die mächtige rote Bezirksorganisation in Wien-Floridsdorf. Grasser kam nicht "von der Basis", bekleidete aber als "Entdeckung" Jörg Haiders eine Reihe von Parteifunktionen: Referent im Parlamentsklub, Grundsatzreferent, dann Generalsekretär, Geschäftsführer der Parteiakademie, Kärntner Landesparteisekretär, Stadtparteiobmann von Klagenfurt, Vize-Landesparteichef. Der 31-Jährige ist also, ähnlich wie Androsch 1970, eigentlich schon ein Politroutinier - auch wenn er ein kurzes Gastspiel in der Privatwirtschaft gab. Und wie Androsch steht Grasser für inhaltlich Neues (siehe Seite 3): Der Sozialdemokrat setzte in den Siebzigerjahren auf deficit-spending - also auf Schuldenmachen, um Wohlstand und die soziale Stabilität zu sichern. Grasser will den Schuldenabbau, um dieselben Ziele zu erreichen. Spannend wird eine andere Parallele, die sich abzeichnet. Androsch, jahrelang "Kronprinz" in der SPÖ, wurde der wohl auch persönlich motivierte Konflikt mit seinem politischen Ziehvater Bruno Kreisky zum Verhängnis. Zwischen Grasser und seinem einstigen Mentor Jörg Haider stoben ebenfalls die Funken. Immerhin hat Grasser bereits eine "Hinrichtung" durch Haider (als Kärntner Vizelandeshauptmann) überlebt und damit die Regel vom they never come back widerlegt. Ein Musterschüler wie er sollte nicht denselben Fehler zwei Mal begehen. Aber auch der "Alte" - in diesem Fall Haider - könnte von Kreisky, als dessen "Erbe" sich der Ex-FP-Chef gern bezeichnet, lernen. Denn der "Sonnenkönig" setzte sich zwar gegen seinen "Kronprinzen" durch -hinterließ aber eine zutiefst verunsicherte und führungsschwache Partei.

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