"Die Presse" Kommentar: "Warten auf ein Wunder" (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 21.7.2000

Wien (OTS) Ehud Barak und Jassir Arafat kommen auf keinen grünen Zweig, sind aber verdammt dazu, es weiter zu versuchen. Nichts hätte diese gegenseitige Abhängigkeit besser veranschaulichen können als die wundersame Auferstehung des bereits zu Grabe getragenen Nahost-Gipfels in Camp David.
Israels Premier Ehud Barak weiß: Wenn er ohne Abkommen nach Hause kommt, dann ist seine Karriere ernsthaft in Frage gestellt. Eine Regierungskrise erwartet ihn ohnehin, mit oder ohne Verhandlungserfolg. An baldigen Neuwahlen führt kein Weg vorbei. Reüssieren kann er nur, wenn er sein Volk mit einer konkreten Aussicht auf Frieden mitreißen kann; gleichzeitig kann er kaum über die Kompromiß-Grenzen springen, die er sich für Camp David selbst gesetzt hat.
Der Spielraum für Palästinenser-Präsident Jassir Arafat ist mindestens ebenso eng bemessen. So kann es sich der PLO-Chef einfach nicht leisten, den Anspruch auf Jerusalem als Hauptstadt der Palästinenser aufzugeben. Über Nacht wäre er in der arabischen Welt diskreditiert. Israel wiederum hat sich gebetsmühlenartig auf das "ewig ungeteilte" Jerusalem eingeschworen. Eine Lösung zwischen den beiden Positionen zu finden kommt der sprichwörtlichen Quadratur des Kreises gleich.
Und doch hat das bisher offenbar ohne große inhaltliche Annäherungen verlaufene Gipfeltreffen in Camp David einen großen psychologischen Fortschritt gebracht: Erstmals wird auf höchster Ebene über Tabu-Themen wie Jerusalem gesprochen.
Ein Anfang ist gemacht. Ob jedoch der große Durchbruch gelingt, bleibt sehr zweifelhaft. Alle Beteiligten wären wohl froh, wenn sie mit irgendeinem Papier nach Hause kommen, das einem Abkommen nur schemenhaft ähnelt - und zentrale Fragen erneut ausklammert.
Die Nachteile eines Teilabkommens: Die nächste Chance für den großen Wurf kommt erst in einem Jahr - solange wird der kommende US-Präsident wohl brauchen, um im Nahost-Sand Tritt zu fassen. Gibt es dort dann noch gesprächsbereite Partner? Oder schon Gewalt? Aber wer weiß: Vielleicht gibt es ja nach der Auferstehung noch ein zweites -größeres - Wunder in Camp David.

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