"Kleine Zeitung" Kommentar: "Bekehrung" (von Ulrich Stocker)

Ausgabe vom 21.7.2000

Graz (OTS)- Wie das Leben Ideologien widerlegt und die Fronten umkehrt, ist eine spannende Angelegenheit. Unter dem Titel "Mitversicherung" wird gerade ein Lehrstück aufgeführt.

Das Krankenkassensystem ist eine kräftige Portion Umverteilung. Ledige zahlen den selben Beitrag wie Väter, bei denen Zusatzleistungen für Frau und Nachwuchs eingeschlossen sind. Das entsprach bei der Einführung 1956 auch im Steuerrecht dem Grundverständnis der Familie; in der "Regel" bestand sie aus berufstätigem Mann, Hausfrau und einer größeren oder kleineren Kinderschar. Des Lebensbunte Fülle hat die Norm zerbrochen. Zumindest zeitweise berufstätige Ehefrauen und Mütter sind keine Ausnahmen.

Da beginnen paradoxe Bekehrungen: Die SPÖ hat die Berufstätigkeit als Frauenemanzipation propagiert und die Individualbesteuerung eingeführt. Jetzt zögert sie vor einem weiteren konsequenten, aber unpopulären Schritt, statt zu klatschen.

Weite Teile von FPÖ und ÖVP hängen unbeirrt an der Kernfamilie als "Zelle des Staats". Die Nur-Hausfrau als Privilegierte nun zur Kasse zu bitten, ist eine Entsorgung des tradierten Bilds: Die Neunormierung heißt Karrierefrau. Leere Kassen haben viele Nebeneffekte... ****

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