Suchtverhalten: Wiener werden Problembewusster

Konsum von Suchtmitteln aber tendenziell gleich bleibend

Wien, (OTS) "Trotz Zunahme der grenzüberschreitenden Drogenkriminalität konnte in Wien der diesbezügliche Trend der frühen 90er Jahre gestoppt werden", betonte Wiens Gesundheitsstadtrat Dr. Sepp Rieder am Montag im Rahmen der Präsentation der Ergebnisse einer IFES-Suchtmittelstudie, die sich unter anderem mit dem Konsumverhalten der Wienerinnen und Wiener
bei Suchtmitteln befasst. "Das ergibt sich sowohl aus der jüngsten sozialempirischen Untersuchung des IFES-Instituts als auch aus Berichten der Drogeneinrichtungen und der Analyse der Todesfälle aufgrund von Drogenmissbrauch."****

Erfreut zeigte sich Rieder darüber, dass generell das Problembewusstsein in Sachen Suchtmittelmissbrauch gestiegen sei, insbesondere werde das Gefahrenpotenzial von Beruhigungs- und Aufputschmitteln für Kinder heute weit besser erkannt als noch vor ein paar Jahren. Rieder: "Ich bin zuversichtlich, dass auch hier
die Bewusstseinsänderung der erste Schritt zu einer Verhaltensänderung sein wird."

"Generell lassen die Ergebnisse der Studie aber keine grundlegende Veränderung im Suchtverhalten der Wiener Bevölkerung oder gar einen Trend zu mehr Sucht erkennen. Der Konsum von
Alkohol und Nikotin ist unverändert hoch, tendenziell leicht zurück geht der Konsum von Medikamenten und illegalen Drogen", erklärte Rieder.

Zunehmende Orientierungslosigkeit ortet Rieder hingegen bei
der Beurteilung der Gefährlichkeit von Cannabis durch die Bevölkerung: "Hier haben divergierende Expertenmeinungen sowie politische Diskussionen, die von hysterischen Verteufelungen bis
zu kindischen Bagatellisierungen reichen, offensichtlich für eine große Verunsicherung gesorgt."

Im Rahmen des Mediengespräches, an dem auch Dr. Gert Feistritzer von IFES teilnahm, erläuterte Rieder auch die Entwicklung der Drogenopfer in Wien, die gekennzeichnet ist von einem deutlichen Altersanstieg unter den Opfern sowie einer
leichten Zunahme der Zahl der Opfer. Zum Stichtag 15. April 2000
gab es in Wien 49 Drogenopfer, das Durchschnittsalter lag bereits bei 34,1 Jahren, insgesamt waren mehr als die Hälfte von ihnen über 33 Jahre alt. Rieder: "Dass immer weniger junge Menschen dem Drogenmissbrauch zum Opfer fallen, ist vor allem dem Ausbau der Betreuungsnetze, dem Prinzip "Therapie statt Strafe´ und dem in Wien überaus erfolgreichen Substitutionsprogramm zu verdanken." Allein im Wiener Substitutionsprogramm seien mit November 1999
2.653 Menschen betreut worden. "Es zeigt sich aber auch deutlich, dass Therapie nicht alles ist und ´gealterte´ Suchtkranke oft an den verschärften sozialen Bedingungen, z.B. am Arbeits- oder Wohnungsmarkt scheitern", betonte Rieder.

Unverändert hoch sei die Lust des Wieners am Rauchen und am Trinken. Rund 34 Prozent (ca. 550.000) greifen zum Glimmstängel, allerdings wollen 73.000 unbedingt mit dem Rauchen aufhören, 200.000 den Tabakkonsum reduzieren, 285.000 wollen ihr Rauchverhalten beibehalten (Quelle: Institut für Sozialmedizin der Uni Wien).

Traditionell schwer einzuschätzen sind das Ausmaß und die Folgen des Alkoholkonsums. Laut österreichischem
Todesursachenatlas weist Wien eine signifikant erhöhte Sterblichkeit aufgrund chronischer Leberkrankheiten und Leberzhirrhosen auf. 1998 verstarben in der Bundeshauptstadt 471 Menschen an Diagnose Leberzhirrhose (Quelle: Gesundheitsbericht 1998). Davon sind erfahrungsgemäß rund 80 Prozent auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen. Zusätzlich starben in den Wiener städtischen Spitälern 1998 176 und 1999 171 Menschen mit Diagnose "Alkoholpsychose" (ICD 291) und "Alkoholismus" (ICD 303). Von Jänner bis Mai 2000 starben 75 Menschen an diesen Krankheiten. "Nicht in dieser Statistik scheinen jedoch andere
Folgeerkrankungen von Alkoholismus, z.B. im Herz-Kreislauf-
Bereich, auf, ganz abgesehen von den persönlichen Tragödien, die sich im Umfeld von Alkoholikern abspielen", betonte Rieder in
diesem Zusammenhang. Für das Jahr 1997 gehe man österreichweit von 79.432 Menschen aus, die durch alkoholbedingte Todesursachen und Selbstmorde gestorben sind (Quelle: Handbuch Alkohol - Österreich 1999)

IFES-Suchtmittelstudie - Konsum von Suchtmitteln

Im Auftrag der Drogenkoordination befragte das Institut für empirische Sozialforschung im November und Dezember 1999 600 Personen ab 16 Jahren zum Thema Drogen und Drogenpolitik in Wien.
Im Rahmen der Studie wurde neben der Haltung der Wienerinnen und Wiener zur städtischen Drogenpolitik (Präsentation im Mai 2000) auch das eigene Konsumverhalten bei Suchtmitteln und die
subjektive Einschätzung der Gefährlichkeit von Suchtmitteln abgefragt.

1. Alkohol

Generell änderten sich die Trinkgewohnheiten der Wiener in
den letzten Jahren nur wenig. Knapp vier von zehn der über 15-jährigen trinken mehrmals die Woche Alkohol, ein Fünftel der Bevölkerung ist abstinent.

Männer trinken doppelt so häufig (52 Prozent) regelmäßig Alkohol wie Frauen (25 Prozent). Unter 30-jährige Männer nehmen zu 10 Prozent täglich Alkohol zu sich, 30 bis 50-jährige doppelt, 50-jährige bereits dreimal so häufig.

14 Prozent der WienerInnen trinken täglich Alkohol (1997:
15%, 1995: 13%), 23 Prozent 2-3/Woche und 41 Prozent seltener als einmal die Woche.

2. Nikotin

Tendenziell ist der Anteil der Raucher in den letzten Jahren leicht zurückgegangen. 28 Prozent der befragten WienerInnen gaben 1999 an, täglich zu rauchen. 1993 lag dieser Wert noch bei 35,
1995 bei 29 und 1997 bei 28 Prozent. Einen leichten Anstieg gibt
es hingegen bei den Gelegenheitsrauchern: 1999 gaben 11 Prozent
an, gelegentlich zum Glimmstängel zu greifen, 1997 9 Prozent, 1995 und 1993 7 Prozent.

3. Medikamente und Drogen

Generell zeigt sich ein leichter Rückgang beim Konsum von Medikamenten und Drogen. 65 Prozent gaben 1999 an, keinerlei
dieser Substanzen schon einmal genommen zu haben. Am häufigsten greifen die Wienerinnen und Wiener zu Schlaf- und Beruhigungstabletten, an dritter Stelle folgen Hanfprodukte.

Auf die Frage: "Haben Sie folgende Substanzen schon einmal genommen?" antworteten 1999 mit Ja (in Prozent):

o Abmagerungs- bzw. Schlankheitstabletten: 5 %
o Beruhigungstabletten: 14 %
o Schlaftabletten : 15 %
o Medikamente gegen Müdigkeit, Anregungsmittel,

Konzentrationsmitteln: 7 %
o Hanfprodukte (Haschisch, Marihuana etc.): 11 %
o Ecstasy: 1 %
o Amphetamine, Speed: 1 %
o Opiate, z.B. Opium, Heroin, Methadon: 1 %
o Kokain: 1-2 %
o Andere verbotene Drogen, z.B. LSD: 1-2 %
o Nichts davon: 65 %

Abmagerungs- und Schlankheitstabletten werden vorwiegend von Frauen zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr konsumiert. Die
Einnahme von Beruhigungs- und Schlaftabletten erfolgt am
häufigsten bei über 50-jährigen Frauen.

Hingegen vorwiegend von Männern werden Hanfprodukte konsumiert, hier vor allem von unter 30-jährigen und Angehörigen der höheren Bildungsschicht.

Medikamentenkonsum bei Schulkindern

Hier zeigt sich in der Bevölkerung ein deutlich größeres Risikobewusstsein als 1997. 58 Prozent der Wiener glauben heute, dass Beruhigungs- oder Anregungsmittel für Schulkinder bei häufigem Gebrauch "besonders gefährlich" sind. Im Vergleich zu 1997 ist das eine Steigerung um 7 Prozent. 32 Prozent hielten 1999 einen gelegentlichen Gebrauch für "besonders gefährlich", im Vergleich zu 24 Prozent im Jahr 1997

Gleichzeitig wird die fallweise Konsumierung solcher
Substanzen von den Schülern und Studenten selbst verharmlost. Rund 50 Prozent äußern diesbezüglich keine Bedenken.

Einstellung zu Suchtmitteln

1. Alkohol

77 Prozent der Wiener glauben, dass der tägliche Konsum größerer Mengen Alkohol (drei Flaschen Bier oder drei Viertel Wein) auf Dauer eine deutliche Gesundheitsschädigung mit sich bringt. Unter regelmäßigen Alkoholkonsumenten liegt diese Einschätzung um 10 Prozentpunkte unter dem Gesamtschnitt.

2. Beruhigungs- und Aufputschmittel

9 von 10 Befragten sind sich des Risikos der Einnahme solcher Substanzen bewusst. Selbst 70 bis 80 Prozent der ehemaligen oder gegenwärtigen Konsumenten wissen um die Gefährlichkeit dieser Substanzen.

3. Haschisch

45 Prozent der Wiener sind überzeugt, dass Hanfprodukte eine überaus gesundheitsschädigende Wirkung haben. 31 Prozent hingegen glauben, dass die Gefährlichkeit von Haschisch oft übertrieben wird, rund ein Viertel traut sich keine Beurteilung zu. Von einer generellen Überschätzung des Risikos von Cannabis gehen ehemalige und gegenwärtige Konsumenten von Hanfprodukten oder anderer Drogen aus.

Gleichzeitig glauben 41 Prozent, dass Haschischkonsum gleich gefährlich ist wie Heroinkonsum. 44 Prozent lehnen diese Aussage jedoch ab, 15 Prozent haben keine Meinung.

Im Durchschnitt glauben 50 Prozent, dass Haschischrauchen
immer zum Konsum von stärkeren Drogen führt. Allerdings gibt es hier ein deutliches Altersgefälle: So vertreten 74 Prozent der über 60-jährigen diese Meinung, während 70 bis 75 Prozent der unter 30-jährigen dem nicht zustimmen.

Generell hat die Bevölkerung zunehmend den Eindruck, dass die Gefährlichkeit von Haschisch eher übertrieben dargestellt wird. 1993 glaubten 18 Prozent, dass "Haschisch nicht so schädlich ist, wie immer behauptet wird", 1999 lag diese Quote bereits bei 31 Prozent.

Einstellung zu Suchtkranken

55 Prozent der Befragten lassen sich durch die Tatsache, dass jemand schon einmal mit Drogen zu tun hatte, nicht von näheren Kontakten abhalten. Gleichzeitig steht ein Drittel der Bevölkerung (ehemaligen) Drogenkonsumenten dezidiert ablehnend gegenüber.
Diese Ablehnung steigt bei über 60-jährigen sogar auf 55 Prozent, während sie bei den unter 50-jährigen bei rund 20 bis 30 Prozent liegt. Die weitaus geringsten Berührungsängste haben SchülerInnen und Studierende, von denen nur 11 Prozent Vorbehalte im Umgang mit solchen Personen hätten. (Schluss) nk/mmr

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