Wien: Gute Chancen für Frühgeborene

Langzeitschäden bei Frühchen gehen zurück

Wien, (OTS) Auch Babys mit einem Geburtsgewicht von 1.500
Gramm und weniger haben in Wien eine gute Chance auf eine normale Entwicklung. Dies bestätigen die Ergebnisse einer gemeinsamen Langzeitstudie der Abteilung für Neonatologie, angeborene Störungen und Intensivmedizin des Allgemeinen Krankenhauses und
des Dezernats II-Gesundheitsplanung der MA-Landessanitätsdirektion. Wiens Gesundheitsstadtrat Dr. Sepp Rieder berichtete über diese Studie am Dienstag im Pressegespräch des Bürgermeisters. Demnach weisen 70 Prozent der mit einem Geburtsgewicht von unter 1.500 Gramm geborenen Kinder nach zwei Jahren eine altersentsprechende unauffällige Entwicklung auf, die Überlebensrate solcher Kinder beträgt bereits 95 Prozent, bei besonders kleinen Kindern unter 1000 Gramm bereits 74 Prozent.****

Rieder: "Bei der Beurteilung der Qualität der Frühgeborenen-Betreuung war stets nicht nur die reine Überlebensrate, sondern auch das Auftreten von Langzeitschäden wie z.B. Seh- oder Hörbeeinträchtigungen wichtig. Die Verbesserungen in der Geburtshilfe und in der Neonatologie haben besonders in Wien zu einem markanten Rückgang dieser Spätfolgen geführt." Die seinerzeit viel diskutierte und -kritisierte Neuordnung der Wiener Neonatologie mit der Reduzierung auf drei Perinatalzentren im AKH, in Glanzing (Wilhelminenspital) und im Donauspital habe Wien in Sachen Qualität der Frühgeborenen-Betreuung an die Weltspitze katapultiert, betonte der Gesundheitspolitiker. Dies würde übrigens auch von den Ergebnissen des "Vermont-Oxford Neonatal Network", einer internationalen Vergleichsstudie, an der weltweit 250 neonatologische Zentren beteiligt sind, bestätigt.

An der Präsentation der Studie "Entwicklungsverlauf risikogeborener Kinder" im Rahmen des Pressegespräches des Bürgermeisters nahm auch eine der Autorinnen der Studie,
Univ.Prof. Dr. Christina Kohlhauser-Vollmuth von der Abteilung für Neonatologie, angeborene Störungen und Intensivmedizin des AKH Wien, teil. Sie erarbeitete die Studie gemeinsam mit ihrer
Kollegin Mag. Renate Fuiko.

Kohlhauser-Vollmuth: "Unser Ziel ist die Optimierung der Entwicklungschancen und des Entwicklungsverlaufs von kleinen Frühgeborenen, die im konkreten Fall auch von der großen geburtshilflichen und neonatologischen Erfahrung des Perinatalzentrums AKH profitieren. Durch die detaillierte Untersuchung der Patienten und die Erhebung von Stärken und Schwächen versuchten wir, ein individuelles und maßgeschneidertes Modell für Kind und Eltern zu ermöglichen."

Frühgeborene in Wien

In Wien waren 1998 sieben Prozent der Neugeborenen Frühgeborene unter 2.500 Gramm. Der Anteil der sehr kleinen Frühgeborenen unter 1.500 Gramm betrug 1,6 Prozent und lag in Wien absolut bei 240 Babys. Davon wogen 88 sogar unter 1000 Gramm.

Entwicklungsverlauf frühgeborener Kinder

Ziel der Studie war die Betreuung und Begleitung
frühgeborener Kinder über einen mehrjährigen Zeitraum. Daher wurden seit 1994 an der Universitäts-Kinderklinik Risikokinder mit einem Geburtsgewicht von unter 1.500 Gramm und einer Schwangerschaftsdauer von weniger als 32 Wochen nach ihrer Entlassung regelmäßig nachuntersucht. Zur Beurteilung des Entwicklungsverlaufes wurden bei diesen Untersuchungen physische, psychische und funktionelle Aspekte miteinbezogen. Zusätzlich
wurde die Lebenssituation der Eltern bzw. Mütter in der Studie berücksichtigt.

Von Jänner 1994 bis Dezember 1995 wurden im AKH insgesamt 178 Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm und einer Schwangerschaftsdauer von weniger als 32 Wochen betreut. 30 Kinder (17 Prozent) starben noch im AKH, 49 Kinder (28 Prozent) wurden
nach der Stabilisierung des Gesamtzustandes in andere Spitäler verlegt. Von den verbleibenden 99 Kindern wurden nur jene in die Studie miteinbezogen, die regelmäßig zu den Nachsorgeuntersuchungen erschienen. Somit wurden 76 Frühgeborene berücksichtigt, die 1994 und 1995 in die Studie aufgenommen wurden und mit Dezember 1997 alle vorgesehenen Untersuchungen
abgeschlossen hatten.

Entwicklung der Kinder

Generell zeigt die Studie, dass zwei Drittel dieser Risikokinder einen altersentsprechenden Entwicklungsstand
aufweisen. Im Rahmen der Studie wurden die Kinder jeweils am Ende des ersten und zweiten Jahres zum einen entwicklungs-neurologisch und zum anderen mit einem psychologischen Entwicklungstest untersucht. Mit letzterem kann in den ersten beiden Lebensjahren
ein Entwicklungsquotient erhoben werden. Die Erhebung folgender Teilbereiche ermöglicht eine detaillierte Erfassung der jeweiligen Stärken und Schwächen der Kinder:

o Motorik
o Persönlich-sozialer Bereich
o Hören und Sprache
o Auge-Hand-Koordination
o Komplexe Leistungen

o Ergebnisse der neurologischen Untersuchung

Hier wurden Bewegungsmuster, Muskeltonus und Reflexe der
Kinder untersucht. 87 Prozent der untersuchten Kinder zeigten im ersten und zweiten Lebensjahr eine unauffällige oder geringe Auffälligkeit ihrer neuromotorischen Entwicklung. Nur 13 Prozent der Kinder litten im ersten und zweiten Lebensjahr unter einer schweren Beeinträchtigung wie Hörbeeinträchtigungen oder teilweisen Hörverlust sowie einer zentralen Bewegungsstörung -zehn Kinder konnten mit zwei Jahren noch nicht ohne Unterstützung gehen.

o Ergebnisse der psychologischen Entwicklungstests

Bei mehr als 70 Prozent der Hochrisikokinder wurde eine
normale kognitive Gesamtentwicklung festgestellt. 12 bzw. 9
Prozent zeigten eine leichte Entwicklungsbeeinträchtigung im 1. bzw. 2. Lebensjahr, 16 bzw. 20 Prozent (1. bzw. 2. Lebensjahr) zeigten deutliche Entwicklungsbeeinträchtigungen. Generell zeigt sich, dass im ersten Lebensjahr Beeinträchtigungen im motorischen Bereich überwiegen, während im zweiten Lebensjahr Beeinträchtigungen in der Sprache und Feinmotorik im Vordergrund sind.

o Motorik

Ein 4 bis 9 Monate altes Kind sollte in der Lage sein, sich
vom Rücken in die Bauchlage umzudrehen. Ein 13 bis 21 Monate altes Kind sollte beim Laufen ein Spielzeug an einer Schnur hinter sich herziehen können. 80 Prozent der im AKH untersuchten Zweijährigen waren in puncto Motorik völlig unauffällig. Ein deutliche Beeinträchtigung der Motorik zeigte sich nur bei 22 Prozent der Ein- bzw. 19 Prozent der Zweijährigen.

o Persönlich-soziale Entwicklung

1 bis 3 Monate alte Kinder sollten auf freundlichen Zuspruch mit Lächeln reagieren, 8 bis 15 Monate alte Kinder nach
Ermunterung beim Abschied winken. 70 Prozent der untersuchten Frühgeborenen waren in ihrer persönlich-sozialen Entwicklung unauffällig, 12 Prozent wiesen geringe, 18 Prozent deutliche Beeinträchtigungen auf. Die Ergebnisse im zweiten Lebensjahr sind nahezu ident.

o Sprache und Hören

Sprachentwicklung und Hören waren bei 68 Prozent der Einjährigen unauffällig, 23 Prozent zeigten eine leichte, 9 Prozent der Kinder eine schwere Beeinträchtigung. Bei den Zweijährigen entsprachen 59 Prozent ihrem Alter, 12 Prozent wiesen leichte, 29 Prozent deutliche Beeinträchtigungen im Sinne von Sprachentwicklung und Sprachverständnis auf.

o Auge-Hand-Koordination

Ein Beispiel für feinmotorische Fähigkeiten ist zum Beispiel das Werfen eines Balles, das einem 13 bis 19 Monate alten Kind gelingen sollte. 71 Prozent der Kinder mit einem Jahr verfügen über normale feinmotorische Fähigkeiten, 9 Prozent zeigen geringe Beeinträchtigungen und 20 Prozent eine deutliche Beeinträchtigung. Bei den Zweijährigen verfügen 59 Prozent über eine normale Feinmotorik, 21 Prozent haben eine deutliche Entwicklungsbeeinträchtigung.

o Komplexe Leistungen

Dieser Teilbereich umfasst die Fähigkeit des Kindes, mit
neuen Situationen umzugehen, wie das sinnvolle Hantieren mit Gegenständen, das Auskundschaften der Umgebung, das Erkennen von Mustern oder das Imitieren von Bewegungsabläufen. 70 Prozent der Ein- und 74 Prozent der Zweijährigen sind unauffällig, 14 bzw. 6 Prozent wiesen eine geringe Beeinträchtigung auf und nur 16 bzw.
21 Prozent zeigten eine deutliche Entwicklungsbeeinträchtigung.

Alter, Schulbildung und nationale Zugehörigkeit der Eltern

Frühere Studien gingen davon aus, dass Frühgeburten eher bei jungen Eltern mit einem schlechteren sozialen Hintergrund
vorkommen. Dies kann durch die vorliegende Studie nicht bestätigt werden. Das durchschnittliche Alter der Eltern lag bei 30 Jahren,
67 Prozent der Eltern verfügen über eine weiterführende Schulbildung.

85 Prozent der Eltern stammen aus Österreich, 4 Prozent aus Ex-Jugoslawien, 1 Prozent aus der Türkei, 10 Prozent entfallen auf sonstige Nationalitäten.

Zwtl..: Soziale Situation der Eltern

Ein Viertel der Eltern gab an, unter schlechten sozialen Bedingungen, d.h. unter eingeschränkten wohnlichen und
finanziellen Verhältnissen zu leben. 20 Prozent bezeichneten ihre finanzielle Lage als "knapp", 70 Prozent als "ausreichend" und 10 Prozent als "wohlhabend".

Familienstand

84 Prozent der Mütter der frühgeborenen Kinder lebten zum Zeitpunkt der Befragung mit dem leiblichen Vater im gemeinsamen Haushalt. Jeweils 7 Prozent gaben an, geschieden bzw. Alleinerzieherin zu sein.

Geschwisterreihe und Schwangerschafts-Planung

60 Prozent der Frühgeborenen waren Erstgeborene, 31 Prozent Zweitgeborene.

60 Prozent der befragten Mütter gaben an, dass ihr Kind geplant war, 33 Prozent waren nicht geplant, aber willkommen, 7 Prozent der Kinder waren unerwünscht.

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse der Studie bestätigen die in Wien bereits seit Jahren verfolgte Strategie bei Risikogeburten:

o Der Einsatz von frühzeitiger und differenzierter

Entwicklungsdiagnostik.
o Verlagerung von Risikogeburten in eines der drei

Perinatalzentren.
o Die Anwendung maßgeschneiderter funktioneller Fördermaßnahmen

für Frühgeborene.
o Das Angebot von beratender und stützender Begleitung der Eltern.

Service:

"Statistische Mitteilungen zur Gesundheit in Wien 2000/1 -Entwicklungsverlauf risikogeborener Kinder":

Studie erhältlich bei:

MA-Landessanitätsdirektion, Dezernat für Gesundheitsplanung, Frau Poetzl, Tel. 0043-1-53114-76027 DW, E-Mail:
poe@mal.magwien.gv.at

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