Sommerakademie 2000 der SPÖ Wien Teil 2 - Kulturerlebnis Stadt

Cullin: Kritische Intelligenz innerhalb der Bevölkerung in Kulturpolitik miteinbeziehen

Wien (SPW) Im Rahmen des zweiten Teils der Sommerakademie 2000 der SPÖ Wien setzten sich Donnerstag Abend Michel Cullin (Internationales Sekretariat der französischen PS), Carmen Emigholz (Mitglied der Bremer Bürgerschaft und Vorsitzende der Arbeitsgruppe "Kultur" der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik in der Bundesrepublik Deutschland) und Peter Rantasa (MICA - Music informations centrum austria, Promotor Festival "phono Taktik") unter der Moderation von Karl Duffek (Direktor des Renner-Institutes) mit dem Thema "Kulturerlebnis Stadt" auseinander. Diskutiert wurden unter anderem die Schwerpunkte "Alltags- und Hochkultur", "neue Kulturen" sowie "Urbane Kulturgesellschaft". ****

Für Cullin müsse die Kultur und Kulturpolitik nicht die Aneignung von Kultur, sondern die Erschaffung von eigenen "Kulturelementen", die die Menschen der Stadt auch "spüren" sollen. Dies habe das "rote Wien" in der Vergangenheit auch "vorexperimentiert". Die Integration sei dabei im Rahmen der Kulturpolitik besonders vorangetrieben worden. Kulturpolitik müsse in einer Stadt "in erster Linie innovativ" sein, denn Kultur dürfe nicht nur in Museen und Ausstellungen über Vergangenes gepflegt werden, unterstrich Cullin.

Die These, dass im Rahmen der Kultur die "eigene Identität" gewahrt werden müsse, sei auch eine Frage, die im Zusammenhang mit dem kulturellen Erbe stehe, so Cullin weiter. Dabei solle es nicht zu einer Assimilierung aus vergangenen Kulturen kommen, sondern es müsse eine kritische Betrachtung des Vergangenen erfolgen. Für Cullin hängt die kulturelle Entwicklung vor allem mit dem Entstehen von Mischkulturen zusammen. "Wenn wir nur in nationalen Strukturen denken, werden wir total scheitern". Die Notwendigkeit der eigenen Identität sei "nicht historisch belegt", die Geschichte Europas sei vielmehr eine "Geschichte der permanenten Vermischung", erläuterte Cullin.

Wichtig erscheint Cullin, dass Kulturpolitik nicht nur für die Zentren der Städte gemacht werde, sondern dass auch eine neue Urbanität an der Peripherie entsteht. Als "wichtiges Element der Jugend- und Kulturpolitik" beurteilt Cullin auch Städtepartnerschaften und Austauschprogramme. Diese würden zum "in Europa so notwendigen interkulturellen Schaffen" beitragen und neue Identitäten könnten dabei entstehen. "Nicht denkbar" sei Kulturpolitik auch ohne eine Einbeziehung der "kritischen Intelligenz" außerhalb der Parteien, da Kulturpolitik permanent hinterfragt und diskutiert werden müsse. Daraus würden langfristig auch wieder "kritische Wähler" entstehen, sagte Cullin.

Emigholz betonte in ihrem Eingangsstatement, dass die Fragen der sozialen Integration, der Jugendförderung und der Demokratie von der Kultur und Kulturpolitik nicht zu trennen seien, da Kultur das Betätigungsfeld ist, in dem sich die meisten Fragen aus den genannten Bereichen abspielen würden. "Es ist deshalb wichtig, dass sich Politik den kulturellen Einrichtungen zuwendet" und dass Kultur nicht als "Spielfeld für wenige Privilegierte" angesehen werde, unterstrich Emigholz.

Kultur könne etwa auch dazu beitragen den zunehmenden Städtetourismus zu attraktivieren, grundsätzlich müsse sich die Kulturpolitik aber auf die "unmittelbaren Betätigungsfelder, auf die originären Aufgaben und Produktionsbereiche zurückbesinnen", so Emigholz weiter. Es sei nicht zielführend, wenn permanent nur die "reproduktive Linie" von Kultur abgebildet würde.

Eine Stadt müsse auch ein entsprechendes Klima für die Produzenten von Kultur schaffen, damit sich diese zu Hause fühlen würden, erörterte Emigholz. Ein gutes Angebot für Künstler müsse einen geschützten Rahmen beinhalten, in dem die Kulturschaffenden entsprechend agieren können. Diese Voraussetzungen scheinen in Österreich derzeit durch die Bundespolitik "drastisch bedroht" zu sein, unterstrich die Politikerin.

Nach dem Vorbild Bremens schlug Emigholz vor, dass über den "ORF-Kulturschilling" hinaus bei "hochsubventionierten Kulturevents" eine "Kulturmark" zusammen mit dem Eintrittspreis eingehoben werden könnte. Die "Kulturmark" sollte an die freie Kulturszene zurückfließen und zur Belebung dieser beitragen. Emigholz betonte weiters, dass es eine "gesellschaftliche Berechtigung" dafür gebe, ein "Existenzgründungsprogramm mit kultureller Berechtigung" aufzulegen. Während Jungunternehmerförderungen existieren, würden etwa neue Medien keine Förderung erhalten.

Rantasa betonte, dass in Städten bestimmte neue Kulturen durch Integration entstehen können, wodurch die Städte selbst zu Metropolen dieser Kulturbereiche werden könnten. Rantasa erläuterte dies am Beispiel Londons, wo durch die Integration von "neuer, weißer elektronischer Musik und traditioneller schwarzer Musik" die neu Musikrichtung "Drum & Bass" entstanden sei, wodurch London zur Hauptstadt dieser kulturellen Mischform geworden sei.

Für Rantasa sind Kulturressorts gleichzeitig auch "Ideologieressorts". Es sei deshalb wichtig zu erheben, welche unterschiedlichen "Ideologieerlebnisse" Menschen beim Besuch der verschiedene Kulturveranstaltungen erfahren und wie sich diese erlebten Ideologien voneinander unterscheiden würden.

Es sei heute ein Problem, dass das "starre Paradigma der 80er Jahre, bei dem das 'Yuppietum' im Vordergrund stand", in kommerziellen Erlebnisagenturen noch weiterleben würde. Diese Form der Freizeitgestaltung dürfe mit Kunst und Kultur aber nicht in einen Topf geworfen werden. Die "Love Parade" - ein "globalisiertes Franchise-Unternehmen" - dürfe daher nicht "mit dem, was das Wiener Flex einmal war", in einem Atemzug genannt werden, erklärte Rantasa. Wesentlich sei für Kulturpolitik auch ihre "Glaubwürdigkeit". Dabei sei Kontinuität wichtig und man müsse auch bereit sein, für etwas zu stehen und dies auch zu leben, unterstrich Rantasa. (Schluss) hm

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